Next und Junior sowie Sanchez aus Stuttgart und Mylo aus Duisburg © Alexandra Karabelas
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Church Battle in Heidelberg: Hip-Hop trifft auf Choreografie

Über einen besonderen Ort und ein eigenwilliges Konzept für den Tanz im Grenzbereich zwischen Choreografie und urbanem Tanz.

Es ist ein besonderer Ort für Tanz. Seit mehreren Jahren öffnet der Heidelberger Pfarrer der Heiliggeistkirche, Vincenzo Petracca, mitten in der altehrwürdigen Universitätsstadt seine Kirche für Kunst und Kultur. Themen, die auf den ersten Blick nicht zu einem klassischen Gottesdienst passen wollen, integriert er gekonnt in die Liturgie – zur Begeisterung vieler Besucherinnen und Besucher. So standen bereits Songs von Beyoncé, Madonna oder Billie Eilish im Zentrum seiner Sonntagspredigten. Der Schritt zum Hip-Hop war da nicht mehr weit.

Zum dritten Mal ließ Petracca im Juli alle Stuhlreihen aus seiner Kirche mit den hohen, orange-weiß gestrichenen Säulengängen und Kreuzgewölben räumen und gab die Fläche frei für die Church Battle, die es in dieser Form nur in Heidelberg gibt. Konzipiert und organisiert wird sie von der Tanztheater-Choreografin Christina Liakopoulou und dem Hip-Hop-Tänzer und Weltmeister David Kwiek. 45 Tänzerinnen und Tänzer aller Stile des Street Dance – von Hip-Hop über klassisches Breaking bis zu Waacking, Popping, House Dance, Lite Feet und Locking – waren angereist, um dort aufzutreten, wo vom Vormittagsgottesdienst noch der Weihrauch in der Luft lag. Unter ihnen auch rund zwanzig Kinder und Jugendliche bis 16 Jahre. Um sie herum ein Publikum von etwa 150 Menschen jeden Alters: von der hochbetagten Großmutter mit ihrer Enkelin über Freundinnen im mittleren Alter bis zu Mitgliedern der Hip-Hop-Communities aus ganz Deutschland – ein buntes Publikum, wie man es sich kaum vielfältiger vorstellen kann.

Wer ein mehrstündiges Battle mit zahlreichen Tänzerinnen und Tänzern, aber ohne feste Choreografien vor sich hat, könnte meinen, hier gehe es nicht um Choreografie. Das täuscht. „Im Moment des Auftritts kommt es nicht nur auf Kondition, Technik oder Präzision an, sondern darauf, dass man weder die Moves der anderen kopiert noch sich selbst wiederholt“, erklärt Melody Adjdadi, der sich seit dreißig Jahren in der Szene bewegt, unter dem Namen Funky Mellow selbst zu Berühmtheit kam und heute als erster Vorsitzender von BBoy Germany e.V. – dem größten urbanen Tanzverein Deutschlands – sowie als Inklusionsbeauftragter der BBoy World aktiv ist. „Man muss die Choreografie im Moment selbst erschaffen, und sie muss persönlich, individuell und überzeugend sein. Das ist der Kern des Breaking.“ Es geht also durchaus um Choreografie – bei der Church Battle sogar um mehr als sonst.

Wie sehr es Liakopoulou darum geht, zeigt ihr Konzept: Nach der Vorrunde blieben jeweils acht Kinder und Erwachsene übrig, die für die nächste Runde zufällig zu Teams zusammengelost wurden. Hier begann das eigentliche Zusammenspiel von urbanem Tanz, zeitgenössischem Tanz und Choreografie. Die Jüngeren lernten von den Erfahreneren, beide Seiten ließen sich aufeinander ein und trafen choreografische Absprachen, die den Tanz im direkten Duell gegen das andere Team in kleine, in sich geschlossene Stücke verwandelten – untermalt von wechselnden Musikstilen, die diese Ministücke weiter verdichteten. So wurde die Battle von Runde zu Runde spannender: immer mehr emotionale Zustände, Bewegungen, Duette und kleine Geschichten wurden sichtbar – nicht unähnlich einer Szene aus „Romeo und Julia“, in der sich Capulets und Montagues gegenüberstehen.

Den Höhepunkt bildete das Finale: Der 26-jährige Next aus Berlin trat gemeinsam mit dem 13-jährigen Junior aus Duisburg gegen dessen 15-jährigen Bruder Mylo und den 34-jährigen Sanchez aus Stuttgart an. Mit rasanten Moves und Steps brachten alle vier ihre Körper zum Sprechen – herausfordernd, kommentierend, ignorierend, bis am Ende beide Duos schwebten. Als die besseren Choreografen und Tänzer setzten sich schließlich Next und Junior durch. Glücklich, Teil dieser Gemeinschaft gewesen zu sein, blieb das Publikum noch lange in der Heidelberger Hip-Hop-Nacht. Liakopoulous Ankündigung für das kommende Jahr klingt dabei noch lange nach: „Nächstes Jahr wird die Church Battle mehrere Tage dauern, und erwachsene und jugendliche Hip-Hopper werden gemeinsam in Workshops arbeiten.“

David Kwiek, Judge Janine aus Nürnberg, Next aus Berlin und Junior aus Duisburg, hinter ihm Vincenzo Petracca