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Buch: „Die andere Seite“

Zur Lage der Nation – Tanz in der späten DDR

Am 8. Juli 1991 veröffentlichte Volkmar Draeger in der Zeitung „Neue Zeit“ einen Beitrag unter der Überschrift: „Im Osten nichts Neues?“. Natürlich war das provokant. Allein der Titel der Zeitung spricht Bände! Diese Zeitung der Ost-CDU gibt es seit 1994 nicht mehr. Eine neue Zeit wird wohl nicht mehr erwartet.

Was es alles im Osten doch auch Neues gab, kann man nun in dem Buch „Die andere Seite. Tanz in der DDR von 1975 bis 1997“, erschienen im Verlag „Theater der Zeit“, nachlesen. Der Band enthält „Ausgewählte Tanzkritiken von Dietmar Fritzsche und Volkmar Draeger“. Dass beider Kritiken nun in einem Band erscheinen können, ist dem Deutschen Tanzarchiv Köln und seinem langjährigen Leiter Frank-Manuel Peter zu verdanken. Denn dort werden nun sowohl der Nachlass von Fritzsche als auch der Vorlass von Draeger gehütet und der Forschung und Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Endlich – möchte man sagen! Es ist ein ganz wesentliches Buch über den Tanz in der DDR – siebzehn Jahre nach der Veröffentlichung der Tanzkritiken von Klaus Geitel (1924-2016), die den Tanz im Westen Deutschlands im Fokus hatten. Der Untertitel „Tanz in der DDR“ könnte irreführen, da es die DDR als Staat seit 1990 bekanntlich nicht mehr gibt. Aber ich hatte einst schon formuliert: „Auch wenn die meisten der sozialistisch-realistischen Ballettwerke heute aus den Spielplänen der Opernhäuser verschwunden sind – der ,neue Mensch‘ von damals ist es nicht. Man begegnet ihm (real existierend) als Ballettpädagogen, Ballettmeister, Tanzkritiker, Dramaturgen, Choreografen und als Zuschauer im Theater.“ (Buch „IM Tänzer“)

Man kann „Die andere Seite“ fraglos von vorn nach hinten und damit chronologisch lesen. Der Gewinn ist ungemein. Da Rezensionen stets zeitnah unter dem Eindruck der erlebten Aufführungen verfasst werden, sind dies also durchweg authentische Dokumente von wissenden und kompetenten Zeitzeugen.

Kurzbiografien der Autoren hätten die Leser mit den Persönlichkeiten bekannt gemacht. Dietmar Fritzsche (1936-2012) war von 1975 bis 1991 Redakteur bei der Zeitschrift „Theater der Zeit“. Volkmar Draeger schreibt seit 1978, war freier Mitarbeiter bei TdZ, schrieb und schreibt aber auch für Tageszeitungen. Beide kannte ich gut. Der ruhige Dietmar Fritzsche ermöglichte mir den Einstieg in die Tanzkritik. Volkmar Draeger förderte mein Interesse an der Tanzwissenschaft nach Kräften. Ihn konnte ich heute zu seiner Arbeit, zu seiner Motivation befragen. Sich schreibend auszudrücken, sei für ihn ein Urbedürfnis seit Kindertagen. Das Tanzen habe ihn Ingeborg Schiffner fast zwei Jahrzehnte geduldig gelehrt. Zu den Sternstunden seiner tanzjournalistischen Tätigkeit zählt er: „Das bewegende Interview mit dem schon schwerkranken Rudolf Nurejew. Béjarts ,Ring um den Ring‘, Balanchines ,Sinfonie in C‘, ,Der grüne Tisch‘ von Kurt Jooss, Forsythes ,Love Songs‘.“ Zwischen vier- und fünftausend Texte habe er inzwischen verfasst.

Man kann das Buch aber auch nach eigenem Gusto oder gar von hinten beginnend durchforsten. Mich haben als erstes die Gespräche mit dem Gründer des Tanztheaters an der Komischen Oper Tom Schilling, dem Gründer des Fernsehballetts Günter Jätzlau, der langjährigen Primaballerina des Ballettensembles der Deutschen Staatsoper Berlin Nora Mank und „ihrer“ Ballettdirektorin Lilo Gruber sowie dem Tanztheater- und Ballettsolisten der DDR Roland Gawlik interessiert. Großartige Künstler geben hier Auskunft über ihr Wirken und Werden.

Neben dem Namensregister ist auch das Werk-Register vorbildlich. „Romeo und Julia“, „Schwanensee“ und „Coppelia“ führen das Ranking an, sind aber gefolgt von Werken wie „Kontraste“, „La Vita“ oder auch „Ausbruch“. Eine neue Zeit auch im Tanz zu gestalten, war Anspruch in diesem Land. Auch die Choreografen der DDR hatten Bertolt Brecht verstanden, der in seiner „Kritik der aristotelischen Dramaturgie“ gefordert hatte, entweder neue, zeitgenössische Werke zu verfassen oder die bestehenden so umzuschreiben, dass sie in eine neue Zeit passen würden. Seine verständliche Kritik am Wiedergeben des Althergebrachten war: Wenn Theater nur Konflikte aus vorangegangenen Gesellschaftsordnungen und deren Konfliktlösungsvarianten aufzeigt, kann sich ein Publikum, kann sich also eine Gesellschaft nicht entwickeln.

Und dieses kritische Kunstverständnis hörte auch nach 1990 nicht auf. Im Berliner Theater unterm Dach zeigte 1993 Jo Fabian sein Stück »Keine Gnade«. Die Überschrift der Kritik von Volkmar Draeger in der „Neuen Zeit“ vom 16. Oktober 1993 lautete: „Zur Lage der Nation“. Und ganz offensichtlich hatte der Choreograf und Regisseur schon damals hellsichtig künstlerisch formuliert, was uns heute umtreibt. Draeger schrieb: „Der Themen sind es viele, die Fabian in seine provokanten Texte zwängt, von Rassenhass und Neonazismus bis zu Abtreibung, Produktwerbung und mangelnder Zivilcourage.“ Wer noch immer glaubt, dass Tanz eine unpolitische Kunst sei, wird nach dieser Lektüre seine Meinung überdenken müssen.

Auch Volkmar Draeger resümiert zum Gedanken, was vom DDR-Tanz bleibt: „Das Bemühen, weit über die eigene Nabelschau hinaus gesellschaftlich relevante Aussagen tanzkünstlerisch zu gestalten und, damals mehr oder weniger verdeckt, Fragen an die Zeit zu stellen.“ Und auf die Frage, wer heute dieses Buch zur Hand nehmen sollte, antwortet er: „Wer, wie ich selbst bei der Textauswahl, staunen möchte, wie vielfältig und facettenreich der DDR-Tanz in der betrachteten End- und Übergangsphase war.“ Wohlan denn: ans Werk!

Frank-Manuel Peter (Hrsg.): „Die andere Seite. Tanz in der DDR von 1975 bis 1997“, Verlag Theater der Zeit, 2026, 412 S., 25 €, ISBN 978-3-95749-613-3 (Paperback), ISBN 978-3-95749-614-0 (ePDF) 

Dietmar Fritzsche, Volkmar Draeger, Grafiker Olaf Rammelt, X. Ballettwettbewerb der DDR, Dessau 1987 © Privatarchiv