Im abgedunkelten schwarzen Kabinett treffen sie aufeinander: Nijinsky und Béjart. Der eine, unbestrittener Jahrhunderttänzer, erstrahlt, eingehüllt von punktgenauem Licht, dezent als jene berühmte Plastik, die Georg Kolbe (1877-1947) zwischen 1913 und 1919 nach Sitzungen des legendären Tänzers in seinem Atelier und wohl auch nach Fotos markanter Posen angefertigt hat. Den kleinen Raum nimmt indes eine Leinwand ein, auf der in Endlosschleife Maurice Béjarts maßstabsetzende Tanzversion von Namensvetter Ravels „Boléro“ zu sehen ist, die er 1961 für sein Ballet du XXe siècle in Brüssel schuf. Solist auf dem riesigen roten Tisch ist der Argentinier Jorge Donn, Lebensgefährte des Choreografen und bis zu seinem frühen Tod 1992 Protagonist zahlreicher Kreationen des Meisters totalen Theaters. Jorge Donns Interpretation jenes erotischen Symbols, das, seine rein männliche Umgebung in den Sog des Sexus mitreißend, tanzend verglüht, hat Bestand bis heute gegenüber allen Nachfolger*innen im Solo. Ebenso prägend sind Béjarts bis in die Gegenwart nachwirkende Verdienste allgemein um den männlichen Tanz.
„Liaisons“ nennt sich jene Ausstellung im Georg Kolbe Museum, deren Teil die Tanz-Glanzlichter sind. Ihr Anliegen zum 75. Geburtstag des Ortes, der aus Kolbes Atelier nebst privaten Räumen und stimmungsvollem Garten erwuchs, ist die „sinnliche Erkundung der männlichen Figur“, so die Pressemeldung. Dazu vereinen sich ausdrucksstarke Groß- und Kleinplastiken von Kolbe, oft mit geradezu tänzerischem Schwung, antikeorientierte Fotos des namhaften, mit Kolbe bekannten Kamera-Künstlers Herbert List (1903-1975) sowie Objekte von Harry Hachmeister (*1979) zu einer überaus anregenden Gesamtschau, wie verschiedene künstlerische Genres denselben Themenkreis angehen.
Volkmar DRAEGER
Bis 15.3., www.georg-kolbe-museum.de





