Mit „TRAPICANA” der kubanischen Gruppe Malpaso Dance Company wurde das diesjährige Internationale Festival „Tanz im August“ am 13. August 2026 eröffnet. Malpaso bedeutet soviel wie Fehltritt – und zwar in sämtlichen Konnotationen.
Zufälle gibt es nicht. Es ist der Tag, an dem vor 65 Jahren die Berliner als Geiseln im Kampf der Systeme vollständig voneinander getrennt wurden durch eine (spätere) Mauer, an der hunderte Menschen zu Tode kamen. Es ist der Tag, an dem vor 100 Jahren Fidel Castro Ruz zur Welt kam. Ein Ereignis und ein Mensch, die ikonografisch für die Auseinandersetzungen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts stehen. Fidel behauptete, die Geschichte würde ihm einst Recht geben, und jemand anderes glaubte, dass die Mauer auch in 100 Jahren noch stehen würde. Fehltritte der Geschichte? Und es ist eben auch dieser Tag, an dem Malpaso erstmalig in der „Mauerstadt“ Berlin auftritt. Zufälle gibt es nicht.
Die Veranstalter informieren, dass „TRAPICANA“ am Beispiel des Nachtclubs „Tropicana“ in Havanna das Spannungsfeld zwischen kultureller Authentizität und exotischen Klischees untersuchen würde. Es heißt: „Das Stück verbindet afrokubanische Tänze mit Trap-Musik und hinterfragt stereotype Vorstellungen.“ Da wäre zu fragen: Wessen stereotype Vorstellungen wovon eigentlich?
Joana Tischkau, Jeremy Nedd und Sophie Yukiko hätten sich über die Malpaso Dance Company mit Trap-Musik der Schwarzen aus Atlanta und dem Phänomen „touristtrap“, zu Deutsch „Tourist*innenfalle“ (man beachte das Sternchen), auseinandergesetzt. „Tourist trap“ sagt in Kuba kein Mensch. Da heißt das einfach „Trampa“.
Was nun ist zu erleben?
Eines vorweg: an den Tänzerinnen und Tänzern lag es nicht. Sie sind großartig, wenn man sie denn lässt. In Havanna habe ich sie mehrfach tanzen sehen. Sie sind eine fantastische Gruppe – mit den richtigen Choreografien.
Der Abend beginnt geheimnisvoll im Nebel. Jemand schreitet, man weiß nicht warum, im Dunkeln und zieht etwas hinter sich her, das ein Schlauchboot sein könnte oder auch eine Schleppe. Langsam formieren sich Dazu-Kommende zu einer Gruppe und beginnen schwingende Unisono-Bewegungen. Was folgt, ist ein Potpourri aus Salsa, Ballett, modernem Tanz, afro-kubanischem Tanz und Show-Tanz.
Die Choreografen setzten sich, so ihr Statement, mit der „Spannung zwischen kultureller Authentizität und Exotisierung auseinander“. In einer albtraumhaften Revue würden „imaginierte afrokubanische Tänze mit Trap-Musik kollidieren“. „TRAPICANA” dekonstruiere Klischees, die exotisierende Fantasien nähren würden, und kreiere zugleich neue Bildwelten – im Versuch, der tatsächlichen Realität ein Stück näherzukommen.
Doch das Ergebnis ist und bleibt seltsam ambivalent. Wenn man Menschen so „ausstellt“, wenn man Männer in herkömmliche Frauenschuhe und Röckchen steckt und erotisch das Becken schwingen lässt, kann man das selbstverständlich als kritische Performance „behaupten“. Wie das allerdings beim einzelnen Zuschauer dekodiert wird, ist und bleibt ein Rätsel. Provokationen aus Bertolt Brechts Epischem Theater à la „Glotzt nicht so romantisch“ hätten die Idee vielleicht verdeutlicht.
Nach einer halben Stunde gerät die Gruppenkonstellation in einer Art Voguing und Posing dann zum Stillstand. Was folgt, ist ein beeindruckender Nebelsturm. Die Gruppe zieht sich als Knäuel zurück.
Teil zwei
Was die erste Darstellerin hinter sich her zog, entpuppt sich als ein aufblasbares Portal mit den Buchstaben „TRAPICANA“. Die Darsteller spielen nun mit den Buchstaben und kleben sie neu. So erscheint das Wort „Patria“ – Vaterland. Dieses Wort ist in Kuba emotional enorm aufgeladen, bedeutet für jeden einzelnen etwas anderes und erheblich mehr, als wir uns hier darunter denken und vorstellen können. Ein Sprichwort sagt: Du kannst jeden Kubaner aus Kuba herausbringen, aber du kannst Kuba nicht aus den Kubanern herausbringen. Für eine freies und unabhängiges Kuba haben viele gekämpft, sind viele gestorben. In Erinnerung bleiben Helden wie José Martí oder auch Fidel Castro. Von ihm stammt der Aufruf „Patria o muerte“ – Vaterland oder Tod. In Kuba hält man inzwischen mit „Patria y vida“ dagegen.
Zum Patria-Torbogen stehen die Darsteller unbeweglich, wie ein Mahnmal. Sie und wir lauschen dem Song „Chan Chan“ über eine Reise durch den Osten Kubas. Das Lied wird heute in Kuba mit Wehmut, Sehnsucht und Melancholie gesungen und gehört. Es ist eine Erinnerung an andere Zeiten. Es sei ein Schrei nach Erinnerung, schreibt man mir aus Kuba. Für alle Kubaner in der „Diaspora“ sei es noch bedeutsamer. Und: „Es ist die Trauer über das, was wir einst waren, angesichts der düsteren Realität, in der wir leben.“
Und dann hören wir die Aussagen von Donald Trump über Kuba. Ein schönes Land wäre es, eine wunderschöne Insel, die er jederzeit übernehmen und alles damit tun könne, was er wolle, wenn er denn wöllte. In diesem Moment sehen wir tatsächlich betroffene Menschen im Hier und Heute von Berlin. Sie stehen da vor uns und sehen uns, wie ich es empfunden habe, fragend an: „Warum hilft uns keiner?“ Das ist die stärkste Szene des Abends.
Und dann regnet es unaufhörlich. „Trapischer“ Regen sozusagen.
Der dritte Teil des Abends wirkt wie eine Probe oder ein Making off. Die Gruppe sitzt. Einzelne treten hervor und bewegen sich, als würden sie mit den choreografischen Bausteinen des Abends improvisierend spielen. Einige finden sich als Paare und haben sichtlich Spaß daran, miteinander zu tanzen. So ist es eine wahre Freude zuzusehen, wenn schlussendlich der Tänzer Dayron Domínguez Piedra, der an dem Abend fraglos der herausragende Darsteller ist, von einem Kollegen in und auf den Arm genommen und über den regennassen Bühnenboden geschleudert und gewirbelt wird. Und dann geht auf einmal einfach das Bühnen-Licht aus. Apagón?
Fotos: © Lennart Brede
Tanz im August noch bis zum 29.08.2026 https://www.tanzimaugust.de







