for the time being, Sasha Waltz & Guests, Edivaldo Ernesto, Diego Noguera ©Carlos Collado
Performance

for the time being – Augenblicke im Fluss

Sasha Waltz & Guests

Improvisation

Nach Voraufführungen im Dezember 2025 kam im Radialsystem mit fünf Vorstellungen eine Produktion zur Premiere, die so recht in das künstlerische Gesamtkonzept von Sasha Waltz passt: eine Serie von Improvisationen. „for the time being“ widmete sich „dem kollektiven Erleben des Moments“, hieß es im Pressetext. Gemeinsam mit sechs Tanzenden ihrer Kompanie forschte nach längerer Bühnenabstinenz auch Sasha Waltz selbst jenem Moment nach. In Bewegung, Gesang und Sprachsentenzen blitzten Augenblickserfindungen Einzelner auf, regten mehrere Teilnehmende an, einzugreifen, sich dazu zu verhalten. So entstanden einander ergänzende, durchdringende, liegende oder sich fortbewegende Raumgebilde, rotierende Transporte oder kurzzeitige Standbilder. Nichts hatte Bestand, alles befand sich gemäß dem allgemeinen Lebensfluss in steter Veränderung. Bisweilen schienen tranceähnliche Zustände auf. Jede spontane physische Eingebung war laut Vorgabe zugelassen, nicht jede löste indes eine tänzerische Kettenreaktion aus. Musik von Diego Noguera, von sanft bis aufwallend, begleitete die Versuchsanordnung. Die im Geviert umsitzenden Zuschauer konnten ihr Entstehen und Verwehen hautnah beobachten und erlebten an jedem Abend ein einmaliges Ergebnis.

for the time being, Sasha Waltz & Guests, Sasha Waltz, Sigal Zouk, Hwanhee Hwang ©Carlos Collado

Bach Cello Dance

hieß ein weiteres Projekt von Sasha Waltz. Dafür hatte sie als Solistin sich mit der jungen russischen, bereits international akklamierten Cellistin Anastasia Kobekina verbündet. Gemeinsam, teils in physisch enger Nähe, verfugten sie Musik und Tanz zu einem improvisatorisch anmutenden, feinsinnig konzipierten Gespinst. Für ihr reizvolles Duett fanden sie einen ungewöhnlichen Ort: das ab 1951 erbaute, bis heute als mustergültig geltende DDR-Funkhaus Berlin, dort den Großen Sendesaal mit seiner brillanten Akustik, die für Aufnahmen neben Daniel Barenboim und Kent Nagano auch Popgruppen zu schätzen wussten. Im Halbrund der Wanne trafen sich Klang und Bewegung zu einem intimen Miteinander: Sensibel reagierte die Tänzerin auf die musikalischen Bögen der Cellistin, ob mit Armschwüngen, Impulsen aus der Körpermitte, Drehungen in der Fortbewegung oder abschreitendem Ausmessen des imposanten Raumes. Nirgendwo versuchte der Tanz die Musik zu dominieren. Sieben speziell gereihte Teile aus Bachs Cellosuiten waren dritter Partner im Bunde. Dort, wo Sasha Waltz die Komposition zu stark erschien, wurde sie zur respektvoll Lauschenden in einem neuen, filigranen Gesamtkunstwerk.

Anastasia Kobekina & Sasha Waltz BACH CELLO DANCE – Funkhaus Berlin
© Dovile Sermokas / Sony Music Entertainment