Tom Schilling © Arwid Lagenpusch
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Auf dem Weg in den Olymp – Zum Tod von Tom Schilling

Sein Tod vom 16. Januar wurde erst jetzt bekannt – sein Werk bleibt zeitlos.

von Volkmar DRAEGER

Ein Jahrhundertleben hat sich vollendet. Seinen Anfang nahm es am 23. Januar 1928. Da erblickt im thüringischen 600-Seelen-Nest Esperstedt nahe Bad Frankenhausen Tom Schilling das Licht der Welt. Noch kein Ereignis von Weltrang. In Dessau wächst er auf, tritt am Theater der Kinder-Ausbildungsklasse bei, geleitet von einer früheren Eduardowa-Elevin. Mit 17, 1945, wird er nach Arbeits- und Kriegsdienst Solist an der Staatsoper Dresden, ist so begeistert vom expressiven Kammertanz der Dore Hoyer, dass er bei ihr Unterricht nimmt. Ab der Saison 1946, und bis 1952, tanzt er am Opernhaus Leipzig, ist dort gut eingesetzt, begegnet Mary Wigmann und besucht deren Nachmittagsstunden. Das Nebeneinander von klassischer Technik und Schulung in modernen Ausdrucksweisen wird seine unorthodoxe Sicht auf den Tanz als späterer Choreograf beeinflussen und prägen. Einem Zwischenspiel als Tänzer am Friedrichstadt-Palast Berlin folgt die Berufung schon als Choreograf ans Deutsche Nationaltheater Weimar, 1956 bis 1964 ist er Ballettdirektor an der Staatsoper Dresden. Wichtige Inszenierungen entstehen: „Abraxas“, dann als erste Nachkriegsproduktion und entprechend enthusiastisch aufgenommen sein „Schwanensee“.

Eine Einladung 1965 von Walter Felsenstein, dem renommierten Musiktheater-Regisseur, sollte Tom Schillings weiteren Weg bestimmen: Sie wurde zum Auftakt für Schillings rund ein Vierteljahrhundert währendes Wirken an der Komischen Oper Berlin. Sein Tanztheater genanntes, zahlenmäßig rasch anwachsendes Ensemble debütierte Ende 1966 mit „Abraxas“ und bot bald Werke, die weit über die Stadt- und Landesgrenzen hinaus aufhorchen ließen. Realistisches Tanztheater, gemeint als ein Theater mit und für den Menschen, wahrhaftig und tief ins Seelenleben lotend, wurde Schillings Konzept, tatkräftig befördert von seinem später engen Dramaturgen und Mitarbeiter Bernd Köllinger. Auf drei Säulen gründete sich Schillings choreografisches Schaffen. Da waren die abendfüllenden Handlungsballette in neuer Deutung oder als Uraufführungen: „Romeo und Julia“, „Schwanensee“, das Bauernkriegs-Drama „Schwarze Vögel“, „Undine“, „Aschenbrödel“, die Shakespeare-Aktualisierung „Ein neuer Sommernachtstraum“. Nicht allen war gleicher Erfolg beschieden, besonders aus westlicher Feder flossen negative, teils verletzend harsche Urteile. Schillings Meisterwerk sollte eine Adaption nach Goethe werden: „Wahlverwandtschaften“, 1983 uraufgeführt, dann von mehreren Ensembles übernommen.

Die zweite Säule in Schillings Repertoire nahmen Kreationen zu sinfonischer Musik ein, etwa von Berlioz, Beethoven, Vivaldi, Mozart, Bartók. Sie waren Meilensteine in seiner Auseinandersetzung mit nicht klar inhaltlich dominierten Sujets, ohne in ein allgemein ästhetisches Nirgendwo abzugleiten. Menschliches Verhalten, emotionale Konflikte und Umbrüche bildeten stets die Basis. Das gilt besonders auch für die dritte Säule in Schillings Schaffen, sein Interesse am Kammertanz. Hier entstanden Werke, in denen der feinnervige Choreograf tiefschürfend und aus eigener Erfahrung in die Abgründe und Verästelungen menschlichen Daseins blickte: „La mer“ (Debussy), „Abendliche Tänze“ (Schubert), „Carnaval“ (Schumann), „Lebenskreis“ (Mendelssohn Bartholdy), indes auch witzige Miniaturen  wie „Match“ (Matthus), das Gerangel zweier Tennis-Champions. Alle Choreografien lebten nicht zuletzt von dem, was Schillings Protagonisten während des Entstehungsprozesses und schließlich in die Aufführungen einbrachten, zuvörderst das Paar Hannelore Bey und Roland Gawlik, dann Jutta Deutschland, Angela Reinhardt, Mario Perricone, Thomas Vollmer, Thomas Hartmann, Gerald Binke und die vielen anderen Exponenten des Tanztheaters der Komischen Oper.

Wiewohl Schillings Repertoire die Kompanie gut über die Wendezeit brachte, begann „der Meister“, wie er ehrfurchtsvoll genannt wurde, allmählich und vielleicht auch nicht ganz freiwillig seinen Rückzug, um 1993 endgültig aus dem Amt des künsterischen Leiters zu scheiden. Was er hinterlassen hat, ist ein imposantes, stilistisch und thematisch vielfältiges, stets dem Humanismus verpflichtetes Œuvre, das sich in zahlreichen internationalen Gastspielen bewährt hatte und Schilling den begründeten Ruf als führender Tanzerfinder des Ostens eintrug. Dringliche Bitten um Übernahme seiner Stücke verweigerte er hartnäckig bis zum Schluss: Sie seien in einer Zeit und für sie entstanden, und diese Zeit sei vorbei, rechtfertigte er seine Ablehnung. Die letzten Lebensjahre verbrachte Tom Schilling in einer Pflegeeinrichtung. Dort ist er am 16. Januar, sieben Tag vor dem 98. Geburtstag, verstorben. Im Olymp der Choreografen dürfte er nun dem in gegenseitiger Wertschätzung verbundenen John Cranko begegnen – und vielleicht auch dem kürzlich vorangegangenen Hans van Manen.

Doch in all die Trauer mischt sich auch eine gute Nachricht: Schilling hat, wie erst jetzt bekannt wurde, die Rechte an seinen Choreografien seiner langjährigen Solistin Arila Siegert übertragen. An sie sind künftig Anfragen für Einstudierungen zu richten. Profunde Ballettmeister stehen dafür bereit. Tom Schilling sei, über sein Schaffen, das mehrere Generationen von Tanzenden und Zuschauenden geprägt hat, hinaus, doppelt Dank!

Fotos: Arwid Lagenpusch 

Tom Schilling – Hannelore Bey und Roland Gawlik tanzen „La mer“
Tom Schillings neuchoreografierter „Schwanensee“ (1978) war mit 244 Vorstellungen (allein an der Komischen Oper bis 1995) sowie auf internationalen Gastspielen die meistgespielte Aufführung – Szene aus dem 2. Akt mit Alma Munteanu (Odette), Gregor Seyffert (Siegfried)
Tom Schilling probt „Hoffmanns Erzählungen“ (UA 1986) mit Jutta Deutschland und Gerald Binke

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Das Dance for You Magazine würdigte Tom Schilling bereits 2016 zu seinem 88. Geburtstag mit einem ausführlichen Ehrenartikel von Frau Dr. Schmidt-Feister. Darin wurde sein Lebenswerk als ein stilles Vermächtnis beschrieben – als ein Œuvre, das sich nicht modischen Strömungen beugte, sondern aus innerer Notwendigkeit entstand.