im Vordergrund Isaac di Natale und Ensemble, dahinter Dennis Marr, Danielle Rohr, Franziska Tiedtke und Aleksandar Stefanoski sowie im Hintergrund Chor des Theaters Pforzheim und Oratorienchor Pforzheim. Foto von Sabine Haymann
Kritiken

Eindrucksvolle Tour de Force durch unsichtbare Vor- und Nachwelten: Über Guido Markowitz “Mozart-Requiem” am Theater Pforzheim

Besuch in Pforzheim. Dort, wo Enz, Nagold und Würm zusammenfließen, genießt das „Mozart-Requiem“ an einem lauen Samstagabend eine seiner letzten Aufführungen. Guido Markowitz, seit zwei Spielzeiten Direktor des Ballett Theater Pforzheim unter Leitung von Intendant Thomas Münstermann und seit einer Spielzeit begleitet von Damian Gmür als seinem Stellvertreter, zeigt mit seiner Interpretation des existenzialistischen Musikwerks aus dem Jahr 1791 einmal mehr, wie sehr der angstfreie Zugriff auf Werke des klassischen Kanons europäischer Weltmusik in einer konsequent zeitgenössischen Bewegungssprache und multimedialen Inszenierungsweise gelingen kann. Eingebettet in eine fein gearbeitete Dramaturgie des Wandels, des Übergangs und der Transformation seelischer Prozesse und Erfahrungen, gestalten die beeindruckend präsent agierenden Künstler des Theater Pforzheim dieses neu entdeckte Pforzheimer „Mozart-Requiem“ als eine eindrucksvolle Tour de Force durch die unsichtbaren Vor- und Nachwelten unseres irdischen Daseins. Großartige Life-Video-Bild-Einspielungen von Oliver Feigl kreieren und verdichten die jeweilige Raumvorstellung, die dem Betrachter als Ort einer erneuten Menschwerdung vorgeschlagen wird: Steinartige, schwebende Gebilde, Kometen, aber auch Zellen gleich nehmen an Volumen zu und definieren eine universale, unbegrenzte Anderswelt, in die eine weiße Gestalt geworfen wird, dargestellt von Ana Rita dos Santos Brito da Torre.

: im Vordergrund Isaac di Natale und Ensemble, dahinter Dennis Marr, Danielle Rohr, Franziska Tiedtke und Lukas Schmid-Wedekind sowie im Hintergrund Chor des Theaters Pforzheim und Oratorienchor Pforzheim. Foto Sabine Haymann

In energetischem Austausch mit anderen Wesen um sie entfaltet sich eine zunehmend spannende Szenenfolge, in der eine Vorstellung davon gegeben wird, was alles erleb- und spürbar ist, wenn der Körper die Seele nicht mehr begrenzt. So sinkt irgendwann ein Kubus von der Decke und nimmt die Gestalt der Tänzerin auf, deren Erleben man fortan Zeuge wird. Großartig umfasst von den musikalischen Wellen des Gesangs des Opernchores des Theaters und des Oratorienchors der Stadt Pforzheim, angeführt von Generalmusikdirektor Markus Huber, lebt und bebt man innerlich fortan angesichts der Kämpfe, die ausgefochten werden, mit. Lebensereignisse des gelebten Lebens deuten sich an, Verzweiflung, der Tod als treuer Lebensbegleiter, herrlich getanzt von Adrien Ursulet, dann die Entscheidung, ob das neue Leben als Mensch angenommen wird, im Körper eines Mannes oder einer Frau. Auf Augenhöhe der Hauptdarsteller: das Ballettensemble, dessen hohe Präsenz vor allem ins Auge fällt. Immer wieder formiert sich der Chor um das Ensembles und verschmilzt mit ihm zu einer Einheit der Hölle und der Wiedergeburt. Ein nachdenklicher und unerschrocken agierender Guido Markowitz hat sich hier dem Betrachter offenbart, einer der ausstrahlt, was er Mozarts Requiem beigibt: “Feiert – das Leben!”.

Alexandra Karabelas