Foto von Susanne Roth
Kritiken

„Die vier Jahreszeiten“ als Gemeinschafts-Video-Projekt „Being human – menschlich Sein“

Vergessen Sie Netflix, vergessen Sie die Streaming-Dienste. Das Stadttheater Pforzheim, genauer: die  Abteilung Ballett, hätte das Zeug für eine neue, süchtig machende Serie. Die Corona-Krise mit in der Folge verrammelten Theatertüren zwang die Tänzer um Ballettchef Guido Markowitz und seinen Stellvertreter Damian Gmür zum Stillhalten. Inklusive Schockstarre. Doch die gleiche Dynamik und lebensbejahende Kraft, die sich auch im experimentierfreudigen Programm spiegelt setzte das Ensemble nun ein um sich auf einen anderen Tanzboden zu katapultieren. Den nämlich im Netz. Ballett im Internet? Wie soll das gehen? Nun, ein Opernglas braucht man jedenfalls nicht, um die Bewegungen des Ensembles beim Tanz durch „Die vier Jahreszeiten“ zu verfolgen. Vielleicht haben diejenigen, die die Uraufführung am 25. Januar oder eine der Aufführungen bis zum Lockdown gesehen haben einen Vorteil dass sie das Stück gut kennen. Wenn überhaupt ist der Vorteil ein winziger. Im Prinzip braucht man ihn nicht, denn in dem vierteiligen und nun seit 30. Mai als Zusammenfassung auf Plattformen wie youtube und VIMEO präsentierten Tanzfilmen „Being human – das menschliche Sein“ wird eine ganz eigene Form der Aufführung kreiert. Und dabei werden mit Hilfe des Kölner Videofilmers und Tänzers Michael Maurissens alle Möglichkeiten für das sogenannte Reenactment ausgeschöpft. Die Solistenrolle von Abraham Rodriguez Iglesias, eine ungewöhnliche Choreografie auf der „echten“ Bühne schmückend, verschwindet dadurch etwas. Das Ensemble rückt dank raffinierter Mosaik-Technik und Überschneidungen – der maskierte Tänzer im Winter scheint sich sein „nacktes“, wehrloses Opfer mit der großen Hand zu greifen – zusammen, ist wieder als ein einziger tanzender Körper vereint.

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Die von Max Richter neu interpretierte Musik von Antonio Vivaldis Jahreszeiten ist dabei natürlich unterlegt. Und das ist schön. Es ist so gesehen nicht nur eine Neuauflage der „Vier Jahreszeiten“, sondern wiederum einen Welt-Uraufführung als Gemeinschafts-Video-Projekt. „Being human“ genannt. Mensch-Sein? Sei Mensch? Sei menschlich? Wir sind noch da als Menschen? Menschliches Sein lautet die Ergänzung des Titels. Aber wohl alles zusammen genommen in diesem Experiment, das Guido Markowitz auf einen Impuls von Intendant Thomas Münstermann hin wagt mit seinen Tänzern und Tänzerinnen. Über 220 Mal wurde dafür eine Kamera aufgestellt in den privaten Räumen der Tänzer und Tänzerinnen. In ihrem Wohnzimmer zwischen Topfpflanzen und Fernsehgerät. Im Schlafzimmer, die Matratze des Futons mit einbeziehend (im Hintergrund das zusammengeklappte Bügelbrett hinter der Schrankwand). Auf der Terrasse, wer denn eine hat. Im leeren Swimmingpool des Gartens. Wenn genug Platz ist tanzen sie auch zu zweit auf einer Dachterrasse, hinter sich die Kulisse Pforzheims, oder die Treppe des Schmuckmuseums hinunter. Sie klammern sich voll Sehnsucht an eine Kommode, hauen mit der Faust auf ihren Küchentisch, flehen die Fotokollage ihrer Wand an. Das hat etwas Persönliches, das ist interessant, weil die Alltagsumgebung in die Interpretation der „vier Jahreszeiten“ einfließt. Natürlich tanzen sie nicht im Schlafanzug oder in ausgebeulter Jogginghose kommunizierend mit ihrer eigenen Umgebung. Sie haben ihre von Marco Falcioni entworfenen Originalkostüme an. Und sie sind frei in ihrer Gestaltung, die Elemente des Tanzes sind wiedererkennbar, müssen aber natürlich an die räumlichen Gegebenheiten angepasst werden. Große Sprünge sind da nicht drin. Vielleicht wird deshalb jede Mimik, jede noch so kleine Bewegung bedeutsamer. Eindrücklicher. Und da wird auch der Vorteil dieser Inszenierung, bei der die Ausschnitte wechseln, nebeneinander gestellt werden und zuletzt als eine Art Mosaik das Ensemble am Bildschirm dann doch wieder zusammenführt auf eine Bühne, klar: Man kommt den Tänzern und Tänzerinnen nah. Ganz nah. Und man wird gewahr: Es sind auch Schauspieler. Einen Körper Ausdrücke wie Sehnsucht, „Leben fühlen“, Tod und Erwachen spielend tanzen zu lassen oder tanzend spielen zu lassen würde nicht ausreichen. Das Gesicht mit seiner Mimik gehört unabdingbar dazu. Und genau das sieht man nun. Ohne Opernglas. Die Arbeit dahinter kann man nur ahnen. Experiment geglückt. Den donnernden Applaus muss sich das Ensemble denken. Oder es an den Besucherzahlen des Videos ablesen.

Susanne Roth

INFO

Das mit Hilfe des Kölner Videofilmers und Tänzers Michael Maurissens Reenactment des Balletts „Die vier  Jahreszeiten“ trägt den Titel „Being human“ und besteht entsprechend des Inhalts und der Struktur der Bühnenfassung aus vier Videoclips und seit 30. Mai auch aus einer Zusammenfassung. Musik: Max Richter, “Infra 5” aus dem Album “Infra” (2010) Youtube-Link https://youtu.be/gbZPpEPDZJA