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Stuttgart feiert Egon Madsens 80. Geburtstag

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Seinen „Seelenbegleiter“ nennt ihn Eric Gauthier und beschreibt das beruhigende Gefühl, wenn eine Woche vor der nächsten Premiere der Company-Coach Egon Madsen im Stuttgarter Theaterhaus auftaucht, um die neue Produktion bei Gauthier Dance zu begleiten. Mit einer großen Gala wurde der „Dänenprinz“, der heute in Italien lebt, nun zu seinem 80. Geburtstag gefeiert. Einst war er Teil des Stuttgarter Ballettwunders unter John Cranko, eine der vier „Initialen R.B.M.E.“, eher ein Lyriker als ein Kraftprotz und als Magier des Petit Allegro flink auf den Füßen. Immer wieder setzte Cranko den pantomimebegabten Madsen für lustige oder tragikomische Porträts ein, was, wie man heute weiß, an der fröhlichen Mentalität des Dänen lag. Madsen kreierte eine Menge wichtiger Rollen, er war der erste Lenski in „Onegin“, der erste „Ewige“ in Kenneth MacMillans „Lied von der Erde“ und der erste Armand in John Neumeiers „Kameliendame“ – alles Ballette, die heute zum Weltrepertoire gehören.

Immer wurden zwischen den Tanznummern der Gala Stationen seines Lebens in Bild und Film gezeigt, angefangen beim ernsten Egon im Kinderballett. Der 80-Jährige kommentierte alles mit dieser herrlichen, pointensicheren Selbstironie, die nur wenige Tänzer in Bezug auf ihre Karriere und ihr Aussehen aufbringen können. Auch die 15 Jahre im Theaterhaus sah man filmisch vorüberziehen, mit Ausschnitten aus Christian Spucks „Don Q.“ und dem herrlich grotesken, melancholischen Abend „Greyhounds“, einem letzten Echo auf Madsens Zeit beim NDT III, der legendären Seniorentruppe des Nederlands Dans Theaters. Was wird uns fehlen, wenn Tänzer wie Madsen oder Sabine Kupferberg gar nicht mehr auftreten! Mit „Die können ruhig auch über mich lästern“ lud Madsen dann die fünf Teilnehmer einer kleinen Talkrunde ein – taten sie natürlich nicht, stattdessen erzählten Birgit Keil, Mauro Bigonzetti, Ivan Cavallari, Tamas Detrich und Friedemann Vogel von ihren Erlebnissen mit Madsen, wann er sie zu Tränen gerührt hatte, über seine anhaltende Neugier, seine Menschlichkeit, über Madsen als Vorbild.

Bei Uwe Scholz in Leipzig war er in den 1990er Jahren Ballettmeister, als Hommage an diese Zeit tanzten Alice McArthur und Mitchell Millhollin aus der Abschlussklasse der John-Cranko-Schule einen innigen Pas de deux aus Scholzens „Die Schöpfung“. Hätte Sergej Diaghilew einst dieses ausdrucksvolle, ideal proportionierte Mädchen aus Neuseeland in die Finger bekommen, McArthur wäre schon längst eine berühmte Baby-Ballerina; hoffentlich bleiben sie und ihr Partner nach Abschluss der Schule in Stuttgart. Das Stuttgarter Ballett war mit seinen neuen und alten Stars vielzählig vor Ort und brachte drei der Rollen mit, die Cranko damals Madsen auf den Leib choreografiert hatte. Friedemann Vogel tanzte das lächelnde Solo „Bruyères“ aus „Brouillards“, in dem die schlafende Schöne auf einer Parkbank einen jungen Mann zu romantischen Träumen verleitet. Bei aller hingetupften Leichtigkeit ist Vogel, der mit zunehmendem Alter immer noch strahlender wirkt, doch ein anderer Typ von Tänzer (und von Mensch) als der schmale, immer ein wenig zerbrechlich wirkende Madsen – wie perfekt choreografierte doch Cranko seinen Tänzern ihre Schritte auf den Leib, wie subtil sind diese gerade die „Brouillards“-Miniaturen.

Gala Egon Madsen “Cantata” mit Gauthier Dance

Alessandro Giaquinto, ein großartiger Charakterkomiker und würdiger Nachfolger Madsens in der Rolle des balzenden Gremio, trillerte im Ausschnitt aus „Der Widerspenstigen Zähmung“ seine falschen Flötentöne, Adhonay Soares da Silva schließlich zeigte Lenskis Abschiedssolo aus „Onegin“, in dem man wiederum die ahnungsvolle Todesnähe Vogels in diesem Part vermisste. Den sterbenden Mercutio aus Crankos „Romeo und Julia“ sahen wir mit dem blutjungen Madsen im Film, auch den Joker aus „Jeu de cartes“, allein aus der „Kameliendame“ gab es keinen einzigen Ausschnitt. Und leider auch nichts vom NDT III, die bittersüße Stelle aus Meryl Tankards „Merryland“ etwa hätte gut gepasst, wo Madsen all seine vielen Bühnentode noch ein letztes Mal starb.

Friedemann Vogel, Tamas Detrich, Birgit Keil, Egon Madsen, Mauro Bigonzetti, Ivan Cavallari und Eric Gauthier

Shori Yamamoto zeigte Gauthiers Choreografie „ABC“ – die Selbstironie des Kompaniechefs steht der von Egon Madsen in nichts nach, so rasant zischt das Solo durchs Ballettlexikon, klebt die berühmtesten Männervariationen direkt aneinander, amüsiert sich gleichzeitig über Manierismen der Ballettwelt und macht einfach nur Spaß. Arnau Redorta Ortiz und Maria Sayrach Baró von den Gauthier Juniors zeigten ein schönes Duo aus „Rassemblement“ – aus der Zeit, als Nacho Duatos Tanz noch eine bodenverhaftete Authentizität hatte, als er mit der Liebe der Mittelmeervölker zur warmen Erde eine neue Note in den europäischen Tanz brachte. Sie inspirierte ein paar Jahre später ebenso Mauro Bigonzetti zu Stücken wie „Cantata“, das den Abend mit losgelösten Tänzen rings um den schrägen Dorfältesten Egon Madsen beschloss. Zur Live-Musik der vier wilden Sängerinnen von Assurd wurden Anneleen und Karlijn Dedroog zu wirbelnden Furien. Und dann hatte Madsen noch ein neues Stück extra für diesen Abend gelernt: „The Old Man and Me“ von Hans van Manen, wo ihn for one night only Milena Twiehaus von Emanuel Gat Dance umgarnte, deren Eltern einst auch im Stuttgarter Ballett tanzten. Man hat das Hüftschwenken und Herumstolzieren schon verführerischer und auch ironischer gesehen, aber spätestens am Ende, zu Mozarts innigem Adagio, zeigte das Spiel der Blicke zwischen den beiden Interpreten, wie van Manen mit minimalsten Bewegungen Beziehungen zeichnet, Begehren und Reue, den Rückblick auf ein ganzes Leben. Was für eine wunderbare Karriere, wenn man 70 Jahre lang auf der Bühne stehen darf, wenn man Freunde hat, die einem mit viel Aufwand und Liebe einen solchen Abend bereiten, wenn man auf ein langes Tänzerleben in einer so gelösten, zufriedenen, heiteren Weise zurückblicken kann!

Angela Reinhardt

 

 

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