ZUFIT SIMON Foto Stephanie Rössing
Kritiken

Passable, not Presentable

Choreografische Spurensuche nach einer zerbrochenen jüdischen Identität:

Zufit Simons bewegendes Solo „Passable, not Presentable“.

Nichts liegt Zufit Simon ferner als Schnickschnack. Die 1980 in Israel geborene Tänzerin und freischaffende Choreografin kann das gut mit der Abwesenheit von Überflüssigem. Zum Start in die neue Spielzeit hat sie ihr jüngstes Solo „Passable, not Presentable“ mit nach München ins Schwere Reiter gebracht. Es ist eine intime Studie, die auf alles verzichtet, was das rundum platzierte Publikum von dem inmitten eines quadratischen Tanzbodens ausgebreiteten Frauenkörper ablenken könnte.

Im Gegensatz zu dem, was der Titel wörtlich übersetzt verspricht, ist das Stück – wieder gemeinsam mit ihrem langjährigen Musikerkollegen Fredrik Olofsson entstanden – durchaus vorzeigbar. Schon vor einem Jahr in Braunschweig uraufgeführt mag das höchst minimalistische Bewegungsvokabular sogar noch an Aktualität gewonnen haben – durch die politischen Entwicklungen der vergangenen Monate und Nachrichten über Kriegsverbrechen auch an Frauen.

In seiner grauen Kompaktheit unter einer bleiernen Klangwolke und streckenweise beängstigend durch in sich geballte Körperlichkeit hinterlässt der Abend einen mehr als nur passablen Eindruck. Dabei kommt man der langgliedrigen Tänzerin und jener Gefühlswelt, die sie hier thematisch umtreibt, einerseits ziemlich nah. Andererseits wird einem der schwarze Peter eines bloß hilflosen Beobachters zugeschoben, wenn Simon mittels digitaler Schwarz-Weiß-Malerei ihren anfangs auf dem Rücken liegenden Körper erst in eine Art Gemälde aus Kringeln und Wellenlinien bettet, das dann aber über die regungslose Akteurin hinweg per Projektion sofort wieder wegradiert wird.

Foto Dieter Hartwig

Gemeinhin klare Bilder für radikalen Feminismus oder gar Sexismus aufzustöbern, sollte man nicht erwarten. Dazu bleibt Simons dreiviertelstündiges von Neonröhren am Boden und an der Decke quasi ummauertes Solo einfach zu still-beschaulich. Vielmehr entfaltet sich dessen Wirkungskraft aus einer Schutzhaltung heraus, die Simon fast filmreif zeitlupenhaft immer mehr durch sich verknotende Arme und Beine, die in verschiedene Richtungen ausbrechen wollen, verkompliziert.

Ausgangpunkt fürs Simons Recherche war die Biografie der lange an Schizophrenie erkrankten und 2012 verstorbenen orthodox-jüdischen Radikalfeministin Shulamith Firestone. Mit in die Arbeit einbezogen wurden zudem Firestones Thesen und Schriften – so ihr 1970 veröffentlichtes Grundlagenwerk zur Verbindung von weiblicher Befreiung und sexueller Revolution – und ihre in der dritten Person erzählten autobiographischen Kurzgeschichten. Zu letzteren wurde Firestone durch ihre Aufenthalte in einer psychiatrischen Klinik inspiriert.

Foto Stephanie Rössing

Wie Simon all das in einem Schlussbild kulminieren lässt, ist fantastisch. Da hört sie auf, ihren Körper ruckartig in sich zusammenzuziehen und zu verkrampfen. Nur kurz zuvor war sie auch herumgelaufen. Flach ausgebreitet am Boden übernimmt danach wieder der eigenwillige und jetzt dynamisch zielgerichtete computergenerierte Pinsel die Regie über das zerrissene, von seelischen Schmerzen geplagte Ich der Interpretin. Am Ende hat sich Simon optisch radikal ausgelöscht. Ein finaler Moment, der allein die Auseinandersetzung der Künstlerin mit ihrem Thema Unterdrückung lohnend macht.

Vesna Mlakar

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