Staatsballett Berlin, „La Bayadère“ Ch. Alexei Ratmansky © Foto Yan Revazov
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Skandale und Ideale im Ballett.

Bestandsaufnahme und Vorwärtsschau

Ein Kommentar von Angela Reinhardt

Rassismus, Gender-Ungerechtigkeit, Kultur der Angst: Die Sparte Ballett macht fast nur noch mit Skandalen Schlagzeilen. Wie kann man das ändern? Angefangen hat es mit „Black Swan“, dem teils spannenden, teils lachhaften Ballettfilm mit Natalie Portman, der Odette/Odile zu einer Psychopathin und Ballettkompanien zu Neidveranstaltungen mörderischer Bitches machte. Nein, so geht es doch in Wirklichkeit nicht zu!, erklärten landauf, landab Ballettdirektoren und Tänzer in den Zeitungen, die einen wütend und die anderen flehentlich, besorgt um den Ruf ihrer Kunst. Dann kamen die Ballettschulskandale in Wien und Berlin, Peter Martins und geteilte Nacktfotos beim New York City Ballet, die Empörung über den Mangel an Choreografinnen, der Rassismus in den Kompanien und in den Stücken. Der neue Opernintendant in Paris stellt gerade Klassiker wie „Schwanensee“ in Frage, der gute alte „Nussknacker“ steht wegen zweier kurzer Nationaltänze plötzlich im Verdacht, vor bösartigen Klischees nur so zu strotzen. Ein erfolgreicher Choreograf stirbt mit 35 Jahren, weil die Cancel Culture ihn weltweit von den Spielplänen vertrieben hat.

Marianela Nunez als Lise, Carlos Acosta als Colas
in „La Fille mal gardée” © ROH, Bill Cooper
Daria Klimentova in „Giselle“ © Pat Bromilow-Downing

Mit Frauen als Schwänen und Männern in Strumpfhosen war die Ballettkunst dem allgemeinen Publikum schon immer schwer vermittelbar, jetzt scheint der Tanz auf Spitze vollends suspekt geworden. Kein Wunder, dass sich inzwischen Journalisten ohne Kenntnis der Materie ans Werk machen und mit einer erstaunlichen Selbstverständlichkeit davon ausgehen, dass in jedem Ballettschulstudio Mobbing oder gar Missbrauch stattfinden, dass jede Ballettkompanie von Neid zerfressen ist und dass das „Weiß“ in den weißen Akten bereits ein Zeichen für Diskriminierung ist.

Precious Adams in „Elite Syncopations” © ROH, Bill Cooper

Natürlich müssen die bekannt gewordenen Missstände aufgearbeitet werden, dürfen diese Vorwürfe auf keinen Fall schöngeredet werden, vor allem nicht, wenn es um Kinder geht. War das Schweigen ein Grund für den (wahrscheinlichen) Selbstmord von Liam Scarlett im April? Sein Arbeitgeber, das Londoner Royal Ballet, hatte den Choreografen ein Jahr zuvor entlassen, ihm wurde sexuelle Belästigung Minderjähriger und Machtmissbrauch gegenüber erwachsenen Tänzern vorgeworfen. Statt aufzuklären und die Taten durch Strafe oder Entschuldigungen so gut wie möglich zu bereinigen, wurde die Angelegenheit „zum Schutz aller Beteiligten“ totgeschwiegen. Nach dem Royal Ballet trennten sich weltweit die Ballettkompanien von Scarletts Stücken, er war künstlerisch gecancelt. Der künstlerische Wert des Balletts gerät über so vielen Skandalen immer stärker ins Hintertreffen, obwohl gerade der Tanz in Deutschland an fast allen großen Theatern eine bessere Auslastung als die Oper erzielt. Schon klar, Skandale verkaufen sich stets besser als die brave tägliche Arbeit an der Kunst, zumal wenn diese Kunst in den Augen der breiten Öffentlichkeit seit jeher einen Hang zum Lächerlichen hatte…

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