"Phoenix" Alle Fotos: Martin Divíšek, Serghei Gherciu
Kritiken

Online aus der Asche: „Phönix“ beim Ballett in Prag

„Phönix“, so soll er heißen, der neue Abend mit drei Uraufführungen beim Prager Nationalballett. Eigentlich sollte dieser „Phönix“ schon im November letzten Jahres aufsteigen. Zwei Uraufführungen, „Puppet“ von Douglas Lee und „Dos Soles Solos“ von Alejandro Cerrudo, feierten immerhin schon ihre Onlinepremiere. Bis aber der „Phönix“ sich komplett erheben wird muss man noch warten. Gerne, denn nach den ersten Premiere am Bildschirm müsste es wohl so sein: Aller guten Dinge sind drei.

Der Titel „Phönix“ ist gut gewählt. Aber ehe sich dieses Motto mit seinem Bezug zur antiken Mythologie, wo es um jenes geflügelte Wesen geht, das sich nach seinem Ableben in verzehrenden Flammen dann in neuer Kraft, beflügelt in die Höhen des neuen Lebens bewegt, auch die Zuschauerinnen und Zuschauer im Prager Nationalballett beflügeln wird, muss noch einige Zeit vergehen.

Drei namhafte Choreografen konnte man gewinnen für diesen programmatischen Abend, der aber –  wie sich nun schon mit zwei Onlinepremieren vermittelt – alles andere als programmatisch im Sinne einer belehrenden Durchhaltekunst auf so angenehme wie künstlerisch vor allem beglückende Weise überzeugt. Der dritte Teil, eine Uraufführung von Cayetano Soto, zum Vorspiel und Isoldes Liebestod aus Richard Wagners Oper „Tristan und Isolde“, soll dann erst, sofern wieder möglich, sich life beflügelnd erheben. Da darf man gespannt sein, immerhin lässt ja auch Wagners Instrumentierung schon vernehmen, dass im Schlussakkord dieses „Liebestodes“ ganz bewusst ein Instrument schweigt: Das Englisch Horn. Dieses Instrument hatte noch zu Beginn dieses Schlussaktes nämlich „die ernste Weise des Todes“ angestimmt.

Nun ist auf jeden Fall die Vorfreude geweckt, denn zwei Kreationen wurden schon online auf die heimischen Bildschirme versandt: „Puppet“ von Douglas Lee und „Dos Soles Solos“ von Alejandro Cerrudo.

Es ist schon wie ein aufsteigendes Gefühl aus der Kraft der Erinnerung, wenn Douglas Lee, der auch den Raum, das Licht und die Kostüme kreiert hat, in seiner Choreografie „Puppet“ zunächst mit Klängen an die Magie jener Spieluhrenkästchen erinnert, die sich zudem öffnen lassen und aus denen sich eine tanzend, drehende, zierliche Tänzerin als Puppe erhebt.

Und wenn dann auch auf der Bühne des menschenleeren Nationaltheaters aus eben genau so einer runden Schachtel, nur eben wesentlich größer als die der Kinderzeit, ein Tänzer einer Tänzerin aufhilft, gewissermaßen zu neuem Leben verhilft, dann ist klar, in den folgenden gut 20 Minuten wird der Choreograf auf keinen Falle eine Prager Puppenkiste aufmachen.

Es ist zum einen die Melancholie sich immer wieder ins Dunkel auflösender Blautöne der Kostüme, des Raumes, des Lichtes, zum anderen aber eben auch diese so prägnant und transparent geführten Bewegungen der Tänzerinnen und Tänzer in unglaublicher Flexibilität der Körper. Solistisch, zu zweit, in unterschiedlichen Gruppen, auch dann, längst den Kisten entstiegen, und diese als eindrückliche Raumsegmente bewegend, fragmentarisch schon, dennoch so wunderbar prägnant, werden Puppen zu menschlichen, zärtlichen und vor allem sensiblen Wesen Kraft der Nähe, durch den belebenden Zauber der Berührung.

Derzeit noch eine Vision, auf der Bühne, vor leerem Theater, aber wo wäre denn sonst der Raum für solche Visionen, wenn nicht hier im Theater und welche der Künste wäre angemessener als die des Tanzes.

Darauf bezieht sich auch die Kreation „Dos Soles Solos“ von Alejandro Cerrudo, für den es kein größeres Vergnügen gebe, „als einen Horizont vor sich zu haben, der sich ständig ändert und an dem jeden Tag eine neue, andere Sonne aufgeht”.

Nun führt Cerrudos Choreografie für drei Tänzerinnen und drei Tänzer allerdings nicht geradewegs an einen vom Sonnenlicht durchglühten Traumort. Nein, er führt sie zunächst in jene inneren Bereiche menschlicher Leuchtkraft, die sich aus den Lichtern der Hoffnung nähren und ihre horizonterweiternden Dimensionen aus den ungeahnten Potenzialen menschlicher Nähe beziehen. Das kann der Tanz.

Das lässt sich sogar unter den immer wieder in die Höhe schwindenden Elementen im Lichtdesign von Daniel Tesař, auf der Bühne von Michael Korsch, in visuellen Assoziationen nachempfinden.

Dazu kommen ausgewählte Sätze aus dem Streichquartett „Orange“  von Caroline Shaw, gespielt vom Attacca Quartett. Hier sind Töne und melodische Passagen zu vernehmen, die – vor allem immer wieder beim Einsatz der Pizzicatotechnik – in das flirrende Licht der Visionen paradiesischer Landschaften zu entführen vermögen.

Und dazu passen natürlich die choreografischen Passagen des Suchens und des Findens, die feinsinnigen Varianten der Nähe in unterschiedlichen Zuordnungen der Tänzerinnen und Tänzer, bei denen es immer wieder so zu empfinden ist, als führe sie die Kraft innerer Wärme zueinander. Es sind dann Momente des glücklichen Empfindens, spürbar in den den tänzerischen Varianten der Kunst des Pas de deux, gegenseitiges Halten und Führen, sich aufeinander zu verlassen um dann auch wieder eigene Wege zu gehen.

Und natürlich, auch hier, wie zuvor schon in der Kreation von Douglas Lee, es wird einfach wunderbar getanzt. Da geht das Herz eben auf, die Sonne ebenso und die Horizonte weiten sich, hier immerhin erneut für  für 20 Minuten am Bildschirm. Fortsetzungen, auf den Bühnen im Kopf, in den Räumen der Erinnerungsfantasien, nicht messbar. Gut so. Der Tanz geht weiter.

Boris Gruhl

Fotos: Martin Divíšek, Serghei Gherciu

 

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