Richmond Ballet in Lift The Fallen von Ma Cong. Photo by Sarah Ferguson
Performance

Reisen durch die USA. Das Richmond Ballet – die Perle Virginias

Müsste man in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein „Jahr des Balletts“ wählen – so wäre das Jahr 1957 ein idealer Kandidat. Es ist geradezu verblüffend, welch eine Vielfalt an Ballett-Ereignissen sich während seines Verlaufes ereignet hat!

Da wäre zum Beispiel die Uraufführung des Magnum Opus des neoklassischen Genie-Gespanns George Balanchine & Igor Strawinski „Agon“, oder auf der anderen Seite des Atlantiks die Uraufführung des ersten britischen und ganz am Vorbild Tschaikowski-Petipa orientierten abendfüllenden Balletts „The Prince of the Pagodas“ aus der Feder von John Cranko und Benjamin Britten. Auch Trauriges war in diesem Jahr zu verzeichnen: So verstarb etwa der austroamerikanische Komponist Erich Wolfgang Korngold, dessen Karriere 47 Jahre zuvor im zarten Alter von elf Jahren mit dem Ballett „Der Schneemann“ an der Wiener Hofoper ihren Ausgang genommen hatte. 1957 – diese Zahl markiert auch den Beginn der Geschichte des Richmond Ballet

Stoner Winslett with Virginia Governor John Dalton and Agnes de Mille, 1981

Mit Robert C. Watkins Jr., Marjorie Fay Underhill und Donna Comstock Forrest fanden sich drei Ballettenthusiasten, die das „Ballet Impromptu“ begründeten – das erste Ballettensemble in jener Stadt, die dereinst als „Metropole des Südens“ galt und Hauptstadt der Konföderierten Staaten von Amerika war. Ihr Fall im Zuge des Sezessionskrieges markierte 1865 auch dessen Ende; nur wenige Tage danach erfolgte die Kapitulation der Truppen unter General Lee. Bereits 90 Jahre zuvor hatte Richmond auch im Vorfeld des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges eine bedeutende Rolle gespielt, als Patrick Henry 1775 in der St. John’s Church seine (ent-)flammende Rede „Give me liberty, or give me death!“ gehalten hatte.

Zum berühmtesten Literaten Richmonds wurde aber zweifellos Edgar Allan Poe (der Grabstein seiner Mutter befindet sich bei der eben genannten Kirche). Das ihm gewidmete Museum sollte bei einem Besuch der Stadt ebenso am Programm stehen, wie die umfassenden Sammlungen des Virginia Museum of Fine Arts, in dem man zusammen mit Meisterwerken der amerikanischen Malerei auch Werken von Poussin, Gentileschi, Goya oder der Wiener Secession begegnen kann, dazu besitzt es mit der „Pratt Fabergé Collection“ die größte Auswahl der berühmten Kleinode außerhalb Russlands.

Vor dieser geschichtsträchtigen Kulisse erscheint die „Lebensspanne“ des 1957 gegründeten „Ballet Impromptu“ geradezu wie ein Wimpernschlag, denn bereits 1963 wurde es in „Richmond Ballet“ umbenannt. Wie so oft gelang die eigentliche „Zündung“ der Bedeutung des Ensembles erst mit der Gründung einer Schule: Nachdem dieser entscheidende Schritt 1975 vollzogen war, ging es zügig voran.

1980 übernahm Stoner Winslett die künstlerische Leitung der Company, die sie bis heute innehat – mit nunmehr 41 Dienstjahren an der Spitze des Ensembles ist sie eine der verdientesten Ballettdirektorinnen weltweit. Ihr war es auch gegeben, das Richmond Ballet 1984 zur ersten rein professionellen Kompanie des Commonwealth of Virginia auszubauen, die offizielle Erhebung zum „State Ballet of Virginia“ folgte 1990.

Mit dem Projekt „Mind in Motion“ wurde 1994 eine bis heute anhaltende Tradition begründet, die jährlich rund 2000 Schülerinnen und Schüler aus Virginia aktiv an das Erlebnis (Bühnen-)Tanz heranführt und somit einen wichtigen Beitrag für die Zukunft der Kunstform und die Publikumsbildung leistet – seit 2017 ist das Richmond Ballet mit dieser Initiative auch in Israel vertreten.

„MINDS IN MOTION“ – bringt Schülerinnen und Schüler in Virginia und Israel „on stage“ Foto Sarah Ferguson

Pünktlich zur Jahrtausendwende bezog das Ensemble neue Räumlichkeiten und erhielt damit zugleich ein originelles Studiotheater: Zwei Ballettstudios im obersten Stock des Gebäudes können dabei innerhalb weniger Stunden zu einem 250 Sitzplätze fassenden Spielraum umgestaltet werden.

Stoner Winslett – ein Leben für den Tanz

 Die jüngere Geschichte des Richmond Ballets ist damit zugleich Lebensgeschichte der unermüdlichen Frau an der Spitze: Stoner Winslett erhielt ihre Ballettausbildung bei Ann Brodie, Aldofina Suarez und Michael Lland in Columbia (South Carolina) und setze diese an der American Ballet Theatre School und der North Carolina School of the Arts fort. Verletzungsbedingt (Knie) musste sie ihre Bühnenkarriere abbrechen und bereitete sich mit einem Studium am Smith College auf ihr weiteres Wirken nunmehr hinter der Bühne vor, wobei ihr als Dynamo des Ensembles, Ballettdirektorin, Trainerin, Pädagogin und Choreographin die Weitergabe ihres Wissens an die Künstlerinnen wie das Publikum gleichermaßen besondere Anliegen waren. Folgerichtig betrieb sie auch eine entsprechende Tourneepolitik und führte bzw. führt ihr Ensemble nicht nur durch zahlreiche Bundesstaaten der USA (mit Schwerpunkten in New York, Washington D.C., Chicago und Salt Lake City), sondern auch nach England (London) und China (Peking, Dezhou, Jinan und Shanghai). In Richmond selbst gelang es ihr, dem professionellen Ballett nicht nur eine entsprechend attraktive räumliche Präsenz, sondern auch einen festen Platz in der kulturellen Identität der Stadt zu sichern.

Stoner Winslett, Photo by Todd Wright’

Die 16 Mitglieder des Ensembles sowie die weiteren zehn Tänzerinnen und Tänzer des RICHMOND BALLET II – der Nachwuchskompanie – erreichen dabei mit im Schnitt 50 Vorstellungen rund 100.000 Besucherinnen und Besucher pro Jahr. „Lecture Demonstrations“ und speziell für Schulen und Bildungseinrichtungen entwickelte Produktionen wenden sich jährlich an weitere 35.000 Schülerinnen und Schüler in ganz Virginia. Bei diesem Engagement für den Nachwuchs und die Allgemeinheit nimmt es nicht Wunder, dass die Schule des Richmond Ballet unter der Leitung von Judy Jacob den Besuch von 900 Elevinnen und Eleven verzeichnet.

Cody Beaton und Fernando Sabino in “Schwanensee” von Nicholas Beriozoff, nach Marius Petipa, Lev Ivanov und Alexander Gorsky. Foto Sarah Ferguson.
Maggie Small in “The Nutcracker” von Stoner Winslett, Foto Sarah Ferguson

 

Das Repertoire des Richmond Ballet setzt seine Schwerpunkte im Bereich abendfüllender Handlungsballette wie der Neoklassik (v.a. Werke von George Balanchine, John Butler, Agnes de Mille, Jose Limón und Antony Tudor), wobei neun Werke aus der choreographischen Feder von Stoner Winslett stammen – insgesamt hat sie im Verlauf ihrer Tätigkeit 75 Uraufführungen von 35 Choreographinnen und Choreographen mit ihrem Ensemble auf die Bühne gebracht.

Sabrina Holland in “Waltzes Once Forgotten” von Mate Szentes, Foto Sarah Ferguson
“The Rite of Spring” von Salvatore Aiello, Foto Sarah Ferguson

Verstärkung an der Spitze – Ma Cong

Im Juni 2020 wurde Ma Cong zum „Associate Artistic Director“ des Richmond Ballet ernannt. Sein tänzerisches Talent erhielt an der Beijing Dance Academy seinen Feinschliff, wo er sich auch dem Klassischen Chinesischen Tanz widmete. Von 1995 bis 1999 war er Mitglied des National Ballet of China bevor er sich in den USA für zwölf Jahre dem Tulsa Ballet anschloss. In Oklahoma entdeckte er auch die Liebe zur Choreographie: Mit „Folia“ für das Tulsa Ballet entstand 2004 seine erste Choreographie, 2009 wurde er „Resident Choreographer“ des Ensembles. In der Folge entstanden Werke für zahlreiche weitere Ballettkompanien, darunter das Houston Ballet, Joffrey Ballet, BalletMet, Smuin Ballet, Cincinnati Ballet, Queensland Ballet (Australien), Singapore Dance Theatre und das National Ballet of China, für das er mit „The Crane Whisperer“ zu Musik von Shen Yiwen 2015 sein erstes abendfüllendes Werk schuf, das 2017 auch bei der Deutschland-Tournee des Ensembles gezeigt wurde.

Mit dem Richmond Ballet ist Ma Cong bereits seit Jahren choreographisch verbunden: Seine erste Kreation für das Ensemble „Ershter Vals“ wurde auf Tourneen 2012 im Royal Opera House (London) und 2015 im Kennedy Center (Washington D.C.) gezeigt, des Weiteren steuerte er 2015 mit „Lift the Fallen“ ein zentrales Werk für die erste China Tournee des Richmond Ballet bei, das von dem Ensemble 2017 auch in New York präsentiert wurde. Nunmehr wird er Stoner Winslett bei der Leitung des Ensembles und damit der Herausforderung, das Richmond Ballet „post Covid“ in die Zukunft zu führen, unterstützen.

Oliver Peter Graber

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