Tulsa Ballet - Dorothy and the Prince of Oz (2020) Ch. Edwaard Liang, Lib. & M.: Oliver Peter Graber
Performance

TULSA: Die Geheime Weltstadt des Balletts

TULSA – THE „SECRET CAPITAL“ OF BALLET

HISTORISCHES

Wenn es einen Ort in den USA gibt, an dem das Ballett wirklich zu Hause ist, dann ist es Tulsa. Die mit rund 400 000 Einwohnern zweitgrößte Stadt Oklahomas, die in den 1920ern als „Ölhauptstadt der Welt“ bezeichnet wurde, beherbergt nicht nur das atemberaubende „Philbrook Museum of Art“ https://philbrook.org) mit einer großen Sammlung an europäischen und amerikanischen Meisterwerken – wegen seiner Architektur bereits alleine eine Reise wert – , das legendäre „Church Studio“ (https://thechurchstudio.com), welches zum Ausgangspunkt des „Tulsa sound“ wurde und heute von Teresa Knox und Ivan Acosta als Kulturzentrum geführt wird, sowie (nach New York City und Miami) die dritthöchste Anzahl von Art-Déco-Gebäuden in den USA, von denen alleine in der Innenstadt 89 unter Denkmalschutz stehen.

Vielmehr zeigt die Stadt auch bereits architektonisch ihre Liebe zum Ballett: Seit 2007 findet sich  am Gelände des „Tulsa Historical Society & Museum“ (https://www.tulsahistory.org) eines der größten Freiluftdenkmäler für Ballett: „The Five Moons“, das jenen fünf weltbekannten Ballerinen indigenen Ursprungs gewidmet ist, die allesamt aus Oklahoma stammten: Yvonne Chouteau, Rosella Hightower, Moscelyne Larkin sowie den Schwestern Maria und Marjorie Tallchief.

Die Gründer des Tulsa Ballet: Roman Jasinski und Moscelyne Larkin mit zwei Tänzerinnen des von ihnen begründeten Ensembles im Hintergrund

Vor dieser in Bronze gegossenen Liebeserklärung entfaltet sich die Geschichte und Gegenwart des TULSA BALLET, das 1956 von Roman Jasinski (der sich als Erster Solotänzer insbesondere in den Ensembles von Ida Rubinstein und den Ballets Russe de Monte Carlo sowie in Kooperationen mit Bronislava Nijinska und Serge Lifar einen Namen gemacht hatte), dessen Gattin Moscelyne Larkin – einer der „Five Moons“ – und der Musikerin Rosalie Talbot gegründet wurde.

Moscelyne Larkin war ebenfalls Ensemblemitglied der Original Ballet Russe bzw. der Ballets Russes de Monte-Carlo und gilt nach wie vor als eine der bekanntesten Künstlerinnen Oklahomas – so ist sie auch auf einem monumentalen Wandbild im Oklahoma State Capitol in der Hauptstadt des Bundesstaates Oklahoma City dargestellt.

Nach der Geburt des gemeinsamen Sohnes Roman Larkin Jasinski, der ab 1990 auch von seinen Eltern die Leitung des TULSA BALLET übernahm, zogen sich Roman Jasinski und Moscelyne Larkin von der aktiven Karriere zurück und konzentrierten sich auf das Unterrichten, womit sie zugleich die Lehrtradition in Tulsa begründeten – die dortige Schule bereitet aktuell (Stand September 2020) nicht weniger als 650 Elevinnen und Eleven auf das Berufsleben vor.

Das „Studio K“ des Tulsa Ballet

1995: DIE NEUE LEITUNG

Dass Tulsa nicht nur geographisch sondern auch am Ballettsektor in der so genannten „Tornado Alley“ liegt, stellte sich ab 1995 unter Beweis, als der aus Italien stammende, Erste Solotänzer Marcello Angelini die Leitung des Ensembles übernahm – seine Gattin, Prima Ballerina Daniela Buson (seit 1983 Solotänzerin an der Deutschen Oper Berlin, hernach Erste Solistin beim Northern Ballet Theater und Gastsolistin beim English National Ballet, Basler Ballett, Les Grand Ballet Canadiens, Cincinatti Ballet, Ballet West und Ballet Arizona) steht ihm künstlerisch zur Seite, sodass das Ensemble erneut unter einer „familiären“ Doppelspitze tanzt.

 

Marcello Angelini

Marcello Angelini wurde in Neapel geboren, wo er unter Anleitung seines Vaters mit Ballett begann, seine Ausbildung schloss er mittels Stipendium in Kiew ab. Sein erstes Engagement führte ihn 1979 an das Maggio Musicale Fiorentino, wo er 1981 zum Solisten avancierte. Erster Solotänzer wurde er wenig später an der Deutschen Oper Berlin; England’s Northern Ballet Theater, das Ballet West, Les Grands Ballet Canadiens und das Cincinnati Ballet folgten in derselben Position. Als Gastsolist wirkte Angelini, der sich bald den Beinamen „The Italian Tornado“ verdiente, an den Opernhäusern von San Carlo und Rom, der Arena di Verona, dem Teatro Massimo in Palermo, dem Basler Ballett, English National Ballet, Scottish Ballet, Ballet Arizona und dem Teatro Municipal in Santiago de Chile.

ERFOLGE UND INFRASTRUKTUR

Auf Basis dieser internationalen Erfahrung stellte er sich als Direktor in Tulsa von Beginn an ehrgeizige Ziele. Neben regelmäßigen nationalen Tourneen (dabei vor allem nach New York und an das Kennedy Center for the Performing Arts in Washington) fand die erste internationale Tournee des Ensembles 2002 statt, seitdem war es in Portugal, Spanien, der Schweiz, in Italien, Bosnien, Kroatien und Südkorea zu Gast. Unter der Leitung von Angelini wurde insbesondere auch die Infrastruktur des Ensembles erweitert: So wurden das „SemGroup Center for Dance Education“ und das „Hardesty Center for Dance Education“ errichtet, mit dem „Studio K“ erhielt das TULSA BALLET ein eigenes Theater, das neben dem Tulsa Performing Arts Center und dem Lorton Performing Arts Center seit 2008 zu den zentralen Spielstätten des Ensembles in seiner Heimatstadt zählt. Mit im Schnitt 39 Vorstellungen pro Jahr erreicht das Ensemble in den genannten Häusern rund 48.000 Personen.

Creations (2019), Principals: Madalina Stoica und Arman Zazyan, Ch. Garrett Smith Fading Figures, M.: div.

ENSEMBLE UND REPERTOIRE

Gegenwärtig umfasst das Ensemble 29 Tänzerinnen und Tänzer, dazu kommen weitere elf im „TULSA BALLET II“, das der Nachwuchspflege dient und 40 Personen im „Team“ (Artistic Staff and Administration) – alleine in Anbetracht der weiter oben bereits erwähnten 650 Elevinnen und Eleven der Schule des TULSA BALLET gewiss keine zu geringe Zahl.

Das Repertoire des Ensembles umfasst klassische bzw. neoklassische sowie zeitgenössische Meisterwerke europäischer und amerikanischer Provenienz, wobei Angelini einen Schwerpunkt bei abendfüllenden Werken und entsprechenden Neukreationen setzt.

Zu den bekanntesten Choreographinnen und Choreographen, die für das Ensemble im Verlauf seiner Geschichte Werke schufen bzw. schaffen, zählen bislang: Léonide Massine, Antony Tudor, Jerome Robbins, George Balanchine, Paul Taylor, Kurt Jooss, John Butler, Nacho Duato, Val Caniparoli, Stanton Welch, Luciano Cannito, Young Soon Hue, Edwaard Liang, Ma Cong, Lila York und Twyla Tharp.

 

Das „SemGroup Center“ des Tulsa Ballet

2020 – DIE ZÄSUR

Die gegenwärtige Krise zwang das Ensemble ab dem 17. März dieses Jahres den Spielbetrieb vorübergehend einzustellen, doch zeigte es bereits ab dem 7. September eine angepasste Neuproduktion „Creation Reimagined“, wobei nur 10% der Saalkapazität zulässig war. Aktuell wird simultan via online-Diensten – wobei sich das Ensemble zu je acht Personen auf diverse Säle verteilt – für die ebenfalls situationsadaptierte Premiere „The Lost Nutcracker” geprobt, die mit einer erlaubten Saalkapazität von 8% am 17. Dezember über die Bühne gehen soll. Die dafür gewählte Räumlichkeit verfügt über einen speziellen Luftfilter. Der Ausfall der „Nutcracker-Season” – worauf sich der Titel der Produktion bezieht – stellt für alle US-amerikanischen Ensembles eine besondere Bewährungsprobe dar.

Während der Schließzeit wich das Ensemble ins Internet aus und streamte acht seiner Produktionen „for free” auf youtubeUSA, auch der Ballettunterricht an der Schule wie das tägliche Training werden virtuell abgewickelt.

Nichts ist dem sympatischen Ensemble und seinem unermüdlichen „Dynamo” an der Spitze also mehr zu wünschen, als Gesundheit und eine baldige Rückkehr zum ungestörten Spielbetrieb, um die junge aber aufregende Geschichte des TULSA BALLET weiter in die Zukunft zu schreiben.

Artikel von Oliver Peter Graber
Fotos Tulsa Ballett/Oliver Graber  

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