Zoom Unterricht, Foto Léontine Brunaux
Performance

Wir sollten uns nicht lähmen lassen

An der Folkwang Universität der Künste wird das neue Semester bald beginnen, als Hybridsemester, wie es die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) bundesweit ausgerufen hat. Hybridsemester bedeutet, in einer Mischung von digitalen und Präsenzformaten. Folkwang bildet am Campus Essen-Werden unter anderem in dem Bachelorstudiengang Tanz sowie in den beiden Masterstudiengängen Tanzpädagogik und Tanzkomposition mit den Richtungen Choreografie, Interpretation und Bewegungsnotation/-analyse aus. Derzeit finden wieder Aufnahmeprüfungen statt. Viola Gräfenstein sprach mit Prof. Dr. Stephan Brinkmann, Leiter des Folkwang Instituts für Zeitgenössischen Tanz (IZT) über die Pandemie und die Zukunft des Instituts, das für die Bühne und den Unterricht ausbildet.

Stephan Brinkmann Foto Christian Clarke

Für das neue Semester müssen Sie sich auf ständig wechselnde Vorschriften einstellen. Die Universität hat mehr als 1.500 Studierende. Welche Lösungen haben Sie für den Tanzbereich gefunden?

Wir haben rund 70 Bachelorstudierende sowie circa 20 Masterstudierende, die wir in unseren Räumen nach den aktuellen Hygieneverordnungen in kleinen Gruppen trainieren müssen. Wir können mit 10 Studierenden und 2 Lehrenden in den Tanzsälen arbeiten. Für manche Jahrgänge bedeutet das, dass wir sie in zwei Gruppen teilen müssen und der Unterricht zweimal am Tag stattfindet. Die Studierenden schätzen jede Form des praktischen Unterrichts.

Müssen Sie aufgrund der neuen Situationen alte Gewohnheiten verlassen und ganz neue Formate finden?

Zum einen unterrichten wir jetzt manche Lehrveranstaltungen doppelt. Auf manches müssen wir verzichten, wie z.B. Training in großen Gruppen, öffentliche Aufführungen oder spontane Nutzung von Räumen. Alles folgt ja nun bestimmten Regeln. Als Lösungen haben wir z.B. ein Trainingsareal eingerichtet, dass sich auf unserem Innenhof befindet. Wir können dort draußen und mit weniger Risiko trainieren und proben. Manche Choreographien entstehen nun unter der Berücksichtigung von Abstandsregeln, einige Lehrangebote finden als digitales Format statt.

Folkwang, Tanzunterricht Foto Christian Clarke

Welche Lehre hat die Hochschule aus dieser Situation für die Zukunft sowie für die Ausbildung der Studierenden gezogen?

Wir versuchen im Bereich der digitalen Lehre und Vermittlung voranzukommen. Das ist auch gut so, unabhängig von der Corona-Krise. Die künstlerisch-praktische Ausbildung können digitale Formate alleine jedoch nicht ersetzen. Darum ist es gut, dass im Wintersemester auch wieder Präsenzunterrichte stattfinden werden.

Die Studierenden mussten im Sommersemester mit einer ganz neuen Situation zurechtkommen. Wie sehen Sie das rückblickend?

Ein Bett, ein Stuhl, ein Tisch, wenig Platz… Die Studierenden mussten während des Online-Unterrichts im Kreativsemester gegen viele Hindernisse antanzen. Sie mussten in ihren kleinen Zimmern und Apartments Freiräume finden. Die Erfahrung mit Widerständen umzugehen finde ich wichtig. Meine damalige Choreografin Pina Bausch hat gesagt “Ich bin kein Mensch, der wegläuft, wenn es schwierig wird“. Das hat mich beeindruckt und dazu versuche ich auch die Studierenden zu ermutigen. Ja, wir sind eingeschränkt, aber es gibt immer noch einen Aktionsraum. Wir sollten ihn mit Verantwortungsgefühl wahrnehmen und uns nicht lähmen lassen.

Normalerweise gehören zu einem Tanzstudium auch Auftritte. Wie hat das die Folkwang Universität der Künste derzeit gelöst?

Auftritte finden zurzeit nur intern statt und zwar dann wenn sie Teil einer Prüfung sind. Der Verlust der Öffentlichkeit ist schmerzhaft, denn Darsteller*innen und Zuschauer*innen brauchen einander bereits in der Ausbildung. Trotzdem finden erste kleine Versuche statt, indem wenigstens interne Aufführungen in einem geschützten Betrieb gestattet werden.

Junge Choreographinnen, Foto Franziska Götzen

Welche positiven Seiten nehmen Sie aus der Krisensituation mit?

Ein positiver Aspekt des letzten Semesters (unseres Kreativsemesters) war, dass die Eigenverantwortlichkeit der Studierenden gefordert war und sie in diese Richtung einen großen Schritt gemacht haben. Wir haben uns gefreut, wie intensiv sie mit dem ihnen zur Verfügung gestellten Material gearbeitet haben. Die Akzeptanz des Online-Unterrichts war erstaunlich breit und es entstanden Filmformate und Videos.

Auch das Folkwang Tanzstudio konnte auf Grund der Corona-Pandemie nicht proben, und die für Mai geplante Premiere wurde abgesagt. Stattdessen haben die Tänzerinnen und Tänzer in den letzten Monaten gemeinsam an einem Videoprojekt der Aufführung „Jack“ gearbeitet. Wir haben mit der digitalen Technik einen neuen Kanal geöffnet, den wir vorher nicht genutzt haben. Digitales Training und digitale Lehre sind allerdings nur eine Ergänzung. Niemand betrachtet das in dem Bereich der darstellenden Kunst als wirkliche Alternative. Ich kann auch verstehen, wenn Studierende sagen, dass sie nicht Online trainieren wollen, weil ihnen die direkte Kommunikation sowie das multisensorische Lernen fehlen. Von daher schauen wir nun mit Freude auf das kommende Hybridsemester.

Sie haben ein Buch über Bewegung erinnern – Gedächtnisformen im Tanz geschrieben. Der facettenreiche Prozess der Erinnerung spielt beim Erlernen von Choreografien eine große Rolle. Wie kann das funktionieren, wenn Abstand und Onlineunterricht auf dem Stundenplan stehen?

Die soziale Dimension von Erinnerung, von Tanz und von Kultur ist zurzeit gestört. Das heißt aber nicht, dass Tanz oder Kultur nicht stattfinden kann. Vielleicht müssen wir für einen Moment auf das verzichten, was wir kennen und eine neue Form der Zusammenkunft und damit auch der Kultur des kollektiven Erinnerns akzeptieren.

Inwiefern würden Sie sagen, ist das die Aufgabe einer Tänzerin und eines Tänzers, sich immer wieder neuen Umgebungen anzupassen?

Der Begriff der Anpassung denkt Tanz nur vom Raum aus. Tanz findet aber nicht nur im Raum sondern in der Zeit statt. Es mag eine der vielen Herausforderungen an Tänzer*innen sein sich anzupassen, aber das eigentlich Faszinierende an Tanz ist doch, dass er etwas Neues in die Welt bringt, da er in der Zeit passiert und mit der Zeit geht, so wie die Musik auch. Genauso wichtig wie sich anzupassen ist es, es neu zu versuchen.

Foto Léontine Brunaux

Was haben Sie persönlich als Lehrender und Leiter des Tanzbereichs daraus gezogen?

Wir sind im Team mehr zusammengerückt. Wir konnten  uns zwar nicht persönlich treffen aber haben viele Lösungen für unsere spezifischen Probleme gefunden. Auch dass wir dem Abschlussjahrgang im Juni praktischen Unterricht anbieten konnten, damit die Studierenden ihr Studium abschließen konnten, habe ich als Erfolg erlebt. Ich selbst musste während des Online-Unterrichts mein eigenes Training befragen: Was können die Studierenden zuhause umsetzen und was nicht? Zu Beginn der Krise haben wir innerhalb von Tagen von praktischer auf digitale Lehre umgestellt. Ich staune immer noch über unsere Kraft, das geschafft zu haben und es hat bei mir viel Respekt für die Leistung aller Menschen, mit denen ich in dieser Zeit zu tun hatte, hervorgerufen. Ich selbst konnte meine eigene Kraft mobilisieren und einsetzen. Das ist ein positives Gefühl.

Welche Projekte haben Sie noch vor?

Wir haben ein lange Liste von aufregenden Projekten für das Studienjahr 2020/2021 vor uns. Diese reicht von Kooperationen mit dem Tanztheater Wuppertal über die Kompanie des britischen Tanzschöpfers Akram Khan bis hin zu den Ruhrfestspielen Recklinghausen. Was davon sich letztendlich realisieren lässt steht zurzeit aus. Daher konzentriere ich mich zunächst auf das, was jetzt möglich ist und plane zunächst bis zum offiziellen Vorlesungsbeginn am 1. November. Die Situation zwingt uns alle zu improvisieren und nicht ausschließlich auf langfristige Planung zu setzen.

Wie ermutigen Sie Ihre Studierenden für die Zukunft, unter diesen Bedingungen für einen künstlerischen Beruf weiter zu studieren?

Man brauchte immer schon Risikobereitschaft, Enthusiasmus und Idealismus, um das Wagnis einzugehen, sich auf einen künstlerischen Beruf einzulassen. Aber wenn das Herz dafür schlägt, dann sollten sie sich nicht davon abhalten lassen. Ich finde, man muss seinen Leidenschaften folgen. „Keep moving, stay tuned, you are the future!“ habe ich den Studierenden am Ende des Online-Unterrichts während des Sommersemesters manchmal gesagt. Ich hoffe, das motiviert sie, denn sie sind die Zukunft des Tanzes.

 

www.viola-graefenstein.de

 

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