© Alle Fotos von Thomas Kirchgraber
Kritiken

Der Tanz der Optiken: Eyal Dadons „Salome Tanz“ am Münchner Gärtnerplatztheater uraufgeführt

Wer bei Salome an eine Femme fatale denkt, die durch ihren Tanz den lüsternen Herodes so weit bringt, dass man ihr das blutige Haupt des Johanaan auf einem Tablett serviert, braucht im Gärtnerplatztheater nicht weiter nach dieser Geschichte und ihren vielfältigen Darstellungen in der Kunst kramen: „Salome Tanz“ ist ganz anders. Anders, was die Geschichte angeht, anders, was die Optik angeht. Da folgt man eher einem Tanz der anonymen Pixel, sie sich zu torkelnden Gestalten formen, wie sie einem im Videospiel entgegentaumeln, damit man sie besser abknallen kann.

Der israelische Choreograf Eyal Dadons präsentiert ein erst einmal verblüffendes Videospiel auf der Bühne, die bevölkert wird von lauter Figuren im Gitteranzug, die heranstürmen, dabei gleichzeitig von einem Kameramann aufgenommen werden und aus anderer Perspektive als bewegtes Bühnenbild projiziert wird. Dabei filmt dieser Kameramann auch sich selbst, manchmal sein Gesicht, öfters aber seine ausgestreckte Hand, die sich zur Pistole wandelt und alles abschießt, was da so heranstürmt. Keine Gefühle, nirgendwo. Einfach der Spaß am Abknallen, oder in späteren Sequenzen der Spaß am Hälse abschneiden, was mit der Handkante passiert. Und wenn sie alle wirkmächtig am Hintergrund in den Abgrund gestürzt sind, geht es wieder von vorne los – auf einem weiteren Level. Das Publikum darf mit Karten abstimmen, was nächstens kommt – wobei das eigentlich ganz egal ist, denn das Spiel geht genau so mordend weiter.

Salome heißt das Ding nur deshalb, weil sich in der Salome-Erzählung der Soldat, der Salome behilflich war, zu Jochanaan hinabzusteigen, selbst tötet, ohne dass ihm auch nur irgendwer im Stück Beachtung schenkt. Ganz so, wie Videospiele funktionieren. Salome wird umfunktioniert zu einem Virus, der zerstörerisch selbstsüchtig die Welt befällt. Also gibt es immer wieder eine Aufteilung der zwanzig Tänzer und Tänzerinnen in gegnerische Reihen, die aufeinander prallen oder versuchen, sich dem Vormarsch der anderen in den Weg zu stellen. Am Ende schnauft und stampft eine rhythmisch animierte Masse Richtung Publikum, beschienen von einem bleichen großen Mond. Game over.

Problematisch ist allerdings, dass sich das Bewegungsmaterial oft wiederholt – und die gesichtslosen Tänzer zwar Dynamik einsetzen und den Raum  immer wieder anders aufteilen, aber anders als etwa die Schwänchen in Schwanensee kaum ästhetischen Mehrwert produzieren. Die Optik ist spannender als der Tanz. Natürlich kann man das Gruseln des Halsabschneidens in unserer Zeit gut assoziieren. Verstörend ist vielmehr die achselzuckende Gewöhnung an Gräueltaten, die aus der virtuellen Welt in die reale übergeschwappt ist.

Insofern ist „Salome Tanz“ ein starkes Stück, das eine große atmosphärische Wirkung erzielt auch dank der klugen Musikauswahl, die Schreker und Schubert mit John Cage und Caroline Shaw kombiniert. In diesem Kosmos spielt sich all das ab, was die Pixel-Figuren nicht liefern können.

Ute Fischbach-Kirchgraber

 

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