© Chen Yilu
Performance

CHAN HON GOH – Ballettkunst für die nächste Generation

Sie begrüßt mich mit strahlendem Gesicht im Foyer des Queen Elisabeth Theater in Vancouver: Chan Hon Goh, ehemalige Principal Dancer des National Ballet of Canada, ist keine Sekunde gealtert. Genau zehn Jahre zuvor, als sie ihr Farewell von der Bühne feierte, war sie unsere Cover Story, mit einem Foto, das man nicht so leicht vergisst. Eine Ballerina, umgeben von dem, was sie am meisten liebt: Spitzenschuhe. In ihrer überaus erfolgreichen 20-jährigen Bühnenkarriere ist Chan Hon Goh auf der ganzen Welt an großen Bühnen aufgetreten. Sie verkörperte die Essenz jeder Rolle, von den anspruchsvollsten klassischen Repertoirewerken bis zu den neuen Balletten, die eigens für sie kreiert wurden. Ihr Talent und ihre künstlerische Leistung wurden schon früh erkannt, denn gleich zu Beginn ihrer Karriere gewann sie als erste Kanadierin die Silbermedaille beim Genée International Ballet Competition in London sowie einen Preis beim Prix de Lausanne. Chan Hon Goh ist mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt worden, unter anderen der „New Pioneers Arts Award“ für ihre Verdienste um den Tanz in Kanada. Seit 2019 ist sie für ihre herausragenden Leistungen als Solotänzerin, künstlerische Leiterin und Kulturbotschafterin zum Mitglied des „Order of Canada“ ernannt worden. Seit September 2010 ist sie Direktorin der Goh Ballet Academy und der Youth Company Canada, sowie Artistic Director und Gründerin des Global Dance Challenge Competition in Vancouver. Und fast genau zehn Jahren danach, Anfang September 2019, eröffnete sie ihre neue Goh Ballett Academy in Toronto.  

© David Cooper

Was hat sich geändert in den zehn Jahren, seitdem Sie nicht mehr tanzen?   

Sehr viel, in der Tat! Der Übergang von der aktiven Ballerina zur Leiterin des Goh Ballet und der Ballettakademie war fließend und sehr spannend durch die vielen Kulturprojekte und Produktionen, in denen unsere Studenten und Tänzer jedes Jahr auftreten. Wie beispielsweise unsere große Inszenierung „Der Nussknacker“, choreografiert von Anna-Marie Holmes und begleitet vom Vancouver Opera Orchestra. Die Tanzerziehung und der Zugang zu den Kunst- und Kulturprogrammen für die Jugend ist mir ein großes Anliegen und ein Ausdruck des Engagements in der Gemeinschaft. Ich liebe meine Arbeit, denn sie ermöglicht mir, meine künstlerische Vision zu verwirklichen. Ich mobilisiere jetzt meine ganze Energie und beschäftige mich damit, wie man Studenten und junge Tänzer aktiv unterstützen kann und was Tänzer in bestimmten Punkten ihrer Entwicklung brauchen.

Der Ausgangspunkt ist bei der Unterrichtsarbeit jedoch sehr verschieden zur künstlerischen Arbeit eines Tänzers.

Sicher, daher habe ich nach meiner professionellen Karriere einen großen Lernprozess durchlaufen. Es war wichtig für mich zu untersuchen und zu verstehen, wie dieser komplexe Prozess vom Lernen bis zur Bühnenreife vor sich geht. Die Fähigkeit, die physische Kraft, die Emotionen und die Musik zusammenzuführen, das ist etwas, was erst mit wiederholter Übung reift. Denn der Unterricht hat zwei verschiedene Ebenen. Jüngere Schüler zu unterrichten ist etwas anderes, als professionelle Studenten oder sogar junge Tänzer zu trainieren, die bereits auf dem Weg zu ihrer Karriere sind. Der Prozess kann manchmal frustrierend sein, wenn das Ergebnis auf sich warten lässt. Doch was mir immer Mut und Kraft gibt, sind diese Momente, wenn die Schüler verstehen, wenn sie ihren Körper wahrnehmen und lernen, auf eine andere Weise zu arbeiten. Plötzlich sehen sie, dass sie viel mehr Energie in die Bewegung einbringen und der Musik besser entsprechen können.

© Aleksandar Antonijevic

Schüler und junge Tänzer konzentrieren sich aktuell stark auf ihre Technik, sehe ich das richtig? 

Ja, sie schauen auch oft im Internet, wie etablierte Tänzer Variationen ausführen, und sind immer beschäftigt, wie sie ihre Technik perfektionieren können. Auch wenn die technische Entwicklung von entscheidender Bedeutung ist, denn ohne eine ausgefeilte Technik kann man heute der Konkurrenz nicht standhalten, ist dies nur eine Seite der Medaille. Was hilft Technik, wenn die künstlerische Seite nicht stimmt und man Rollen nicht gestalten kann, weil man die Nuancen und die Charaktere nicht erkennt? Die emotionale Energie eines Tänzers kann das, was er seinem Publikum mitteilt, dramatisch verändern. Das versuche ich meinen Studenten immer zu erklären. Es ist eine ziemlich einfache Idee, aber fügen Sie die Ebenen von technischer, physischer, musikalischer und lyrischer Präzision hinzu, die für eine einzelne Aufführung erforderlich sind, und es ist schlicht wunderbar, wenn ein Tänzer das alles mitteilen kann. Mein Ziel ist, die Geschichte, die junge Künstler auf der Bühne erzählen, körperlich und musikalisch fließend zu gestalten. Das wiederum wirkt sich auf ihre Karriere aus, die dadurch bereichert und verlängert wird. Was mir persönlich wichtig ist: die jungen Tänzer zu einem weiteren Denkprozess zu bewegen und hoffentlich zu inspirieren, während sie noch bei uns trainieren, damit sie nicht nur technisch vorankommen, sondern vielseitige Tänzer werden können.

Wir haben in Europa und speziell in Deutschland sehr viele und ausgezeichnete kanadische Tänzer und Choreografen. Wie ist das zu erklären?  

Ich empfinde es als eine Kombination aus Talent und der Bereitschaft, offen für Neues zu sein. Kanada ist ein sehr junges Land und war immer offen für andere Einflüsse, neue, verschiedene Choreografen und Inputs. Es war bei uns nicht üblich zu sagen: „Oh, das ist nicht unser Stil, wir akzeptieren nichts anderes.“ Das brachte den Tänzern mehr Anpassungsfähigkeit, was sich wiederum auf die Kunst positiv auswirkte. Und wir waren immer mit den Veränderungen im Tanz praktisch auf dem Laufenden. Wie z. B. beim National Ballet of Canada, eine wunderbar dynamische Kompanie, die ein riesiges Repertoire besitzt. Wir hatten das große Privileg, Werke zahlreicher bedeutender Choreografen zu tanzen und mit großartigen Ballettmeistern aus der ganzen Welt zu arbeiten. Ein weiterer Aspekt sind unsere hervorragenden Tanzpädagogen. Nehmen wir die Goh Academy, die von meinen Eltern gegründet wurde und schon seit vierzig Jahren besteht. Wir sind eine privat geführte Schule, aber unsere Absolventen tanzen an vielen großen Häusern, sind bereits Erste Solotänzer/innen an Kompanien wie Birmingham Ballet oder San Francisco Ballet. Die Qualität des Unterrichts spiegelt sich in unseren Studenten wieder. Dadurch werden die Vorzüge professionell geführter Schulen deutlich.  Ist die Absicherung der Tänzer nach der professionellen Karriere in Kanada optimal?  Wenn man an großen Kompanien getanzt hat, ja, doch nicht so ausgefeilt und komplex wie in Europa. Im National Ballet of Canada verfügt man über gute Hilfs- und Pflegeleistungen und eine Künstlerversicherung. Tänzer, die mindestens sechs Jahre in der Kompanie getanzt haben, bekommen einen Volljahresvertrag. Doch wenn man aufhört, reichen die Mittel nicht aus, um zu überleben. Es gibt einige Organisationen, die Tänzern bei der Transition helfen können und ihnen finanziell ein wenig unter die Arme greifen. Für Weiterbildungskurse etwa muss man aber selbst aufkommen.

© Aleksandar Antonijevic

Wie empfinden Sie das künstlerische Leben in der Umgebung von Vancouver?  

Eine sehr gute Frage, denn Vancouver ist hauptsächlich bekannt für seine spektakulären Naturlandschaften und Outdoor-Aktivitäten. Die Menschen in dieser modernen Metropole lieben Skifahren oder den Pazifik, die vielen Wälder und Seen in der Umgebung. Vancouver bietet rund um das Jahr auch viele Kulturfestivals, ist bekannt für seine ausgezeichnete Kulinarik, die Einwohner schätzen gute Qualität. Im Bereich Tanz wird eine ganze Menge geboten, der zeitgenössische Tanz ist stark vertreten, so durch die Kompanie Ballet BC. Allerdings in Sachen klassisches Ballett liegt Vancouver ein wenig abseits, es hat nicht die große Intensität wie Toronto, Montreal, New York oder San Francisco. Deshalb auch die Eröffnung der neuen Academy in Toronto. Dadurch wollen wir unseren Studenten einen besseren Kontakt und Anschluss an die professionelle Ballettszene größerer Städte ermöglichen.

Was sind Ihre nächsten Ziele?  

Vor allem richte ich meinen Fokus darauf, ein richtig gutes, intelligentes und stabiles Unterrichtssystem für unsere Academy zu entwickeln. Das ist wichtig auch für unsere Lehrkräfte, die zum Erfolg unserer Schule beitragen. Es betrifft nicht nur die künstlerische Arbeit, sondern auch das Management und die Weiterführung der Schule als Kunstbetrieb. Wichtig ist mir zudem, dass in beiden Schulen sehr gute Lehrkräfte hinzu verpflichtet werden. Wie können wir die Qualität des Unterrichts erhöhen, was und wie kann man besser gestalten, was kann man tun, damit die Gesellschaft und die nächste Generation den Anschluss an unsere Kunst nicht verliert? Unser Erfolg zeigt sich nicht darin, dass wir alles anbieten, wie andere es tun, sondern in dem, was wir aufgebaut haben und wirklich gut können. Das macht letztlich unsere Identität aus!   

Interview von Mihaela Vieru  

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