"Romeo und Julia" Ch. Erna Omarsdottir und Halle Olafsdottir ,Foto Ute Fischbach Kirchgraber
Kritiken

Liebe geopfert auf dem Altar der Sexualität

Verstörendes  „Romeo und Julia”-Ballet am Münchner Gärtnerplatztheater

Romeo und Julia – ein Schlachtruf fürs Ballett. Dass es immer wieder neue Versionen dieser Ur-Geschichte der tragischen Liebe gibt, versteht sich. Doch das Gärtnerplatztheater bringt diesmal mit der Choreographie von Erna Omarsdottir und Halla Olafsdottir die wohl radikalst denkbare Fassung. Und aus dem Schlachtruf wird ein veritables Schlachtfest. Kein Wunder bei der tänzerischen Herkunft von Jan Fabre, dem Enfant terrible der grenzwertig nackten Performance-Kunst, der gerade unrühmlich durch Übergriffe und Machtmissbrauch in der Me-too-Debatte auffällig geworden ist. 

Versteht sich, dass es in dieser Produktion gar nicht wirklich um die Geschichte von Romeo und Julia geht. Die wird nur benutzt, um auf das Gewaltpotential aufmerksam zu machen, das in den gesellschaftlichen Umständen liegt, das aus archaischen Zeiten aufsteigend bis heute alle Liebenden betrifft: die hehre Liebe wird geopfert auf dem Altar des Sexismus. Blut fließt in Strömen, wenn sich da die Liebespaare, die alle Romeo und Julia sind – egal ob hetero- oder gleichgeschlechtlich -, ans körperliche Werk machen. Wer den anderen an der Hand nimmt, braucht sich im Zeitalter egomaner Selbstoptimierung nicht wundern, wenn er nur eine leere Hülse, also ein pure Hand hält, hinter der keine Person mehr steht.

Nackte Tatsachen werden also verhandelt. Klar, dass die Tänzer im Nacktkostüm auftreten mit übergroßen aufgeschnallten Körperteilen.  Sie bleiben auch nicht stumm, sondern schreien, fauchen und stöhnen. Da begegnen sich zwei zischende Horden, die aufeinander losgehen. Und das nicht ohne augenzwinkernden Humor. Denn da wedeln einige ganz Cheerleaderhaft mit fluffigen Puscheln.  Noch nie hat man die Gärtnerplatz-Truppe derart präsent erlebt – das wurlt und geifert ununterbrochen und entwickelt einen Sog, dem man sich nur schwer entziehen kann. Alles rennt und stürzt mitten in die Katastrophe.

Foto Ute Fischbach-Kirchgraber

Die den Zuschauer dann nach der Pause ereilt, wenn zu den Prokofjew-Klängen der Liebesnacht optisch nicht die Nachtigall singt, sondern eher die Krähe: da wird ein eher eklig anzusehender Film eingespielt, der in Makro-Optik zeigt, wie sich Fleisch an Fleisch presst, spaltet oder gar Haut abgezogen wird. Das steht für eine Massendefloration aller Julias dieser Erde. Tänzerisch wird daraus dann anschließend ein quasi sakraler Akt. Die sich unter der bühnenbedeckenden Goldglitzer-Folie gefunden habenden Paare dürfen unter der Schirmfrauschaft einer Schmerzensfrau hervortreten, ehe sie von vermummten Gestalten Eimer gereicht bekommen, aus denen sie sich dann, mit Kunstblut beschmiert, dem körperlichen Liebesakt widmen. Ein wild pumpendes rotes Herz rast herum. Das über allem strahlende pinke Neon-Herz zeigt Tropfen: Tränen – Blut – Sperma. Alles denkbar. Aber tödlich für die Liebe. Denn am Ende werden alle tot aufgebahrt wie auf einem Altar. Die einzelnen Hände, die da erst auf der Bühne herumstanden, recken sich nun alle flehentlich gegen den Himmel. Was ist um Himmels willen aus der Liebe geworden…

Foto Ute Fischbach Krichgraber

Diese Produktion liefert sehr viele beklemmende, aber auch etliche ästhetisch schöne Bilder. Wer sich dem aussetzen mag, wird belohnt. Voraussetzung dafür: vergesst Shakespeares „Romeo und Julia“. Deren Geschichte wird nur unterschwellig in dieses Schlachten hineingetragen durch Prokofjews Musik und die Phantasie des Publikums.

Ute Fischbach-Kirchgraber

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