v.l.: Benjamin Kirkman (Mortem), Alanna Saskia Pfeiffer (Elisabeth I.), Isabel Dohmhardt (Maria Stuart) in Maria Stuart / Tanztheater von Reiner Feistel (Uraufführung) Foto Ida Zenna
Kritiken

Intensives Kammerspiel als Tanztheater in der Kirche „Maria Stuart“ von Reiner Feistel zum Abschied in Chemnitz

Ballett, Tanztheater an einem ungewöhnlichen Ort: Für seinen nicht ganz freiwilligen Abschied in Chemnitz wählte der Choreograf Reiner Feistel die Chemnitzer St. Markuskirche. Hier treffen Maria Stuart, Königin von Schottland und Elisabeth I., Königin von England, aufeinander, für Maria endet dies tödlich, für Elisabeth in tragischer Einsamkeit.

Der in Leipzig ausgebildete Reiner Feistel war ab 1984 Tänzer und Solist beim Ballett der Staatsoper Dresden. Von 1997 bis 2013 war er Ballettdirektor an den Landesbühnen Sachsen und wurde mit Beginn der Spielzeit 2013/2014 künstlerischer Leiter und Chefchoreograf beim Ballett in Chemnitz. Ungewöhnlich und überraschend war es, dass er von dieser Position mitten in der laufenden Spielzeit des letzten Jahres abberufen wurde.

Dabei hatte er, etwa mit seiner Sicht auf den Klassiker „Giselle“, seinen Ballettabend „Mozart-Briefe“ oder mit dem ersten Teil des mit dem Sächsischen Tanzpreis ausgezeichneten Abends, „Gesichter der Großstadt“ – nach Gemälden von Edward Hopper, durchaus Akzente gesetzt, die auch überregional wahrgenommen wurden.

Sabrina Sadowska, zuvor Ballettbetriebsdirektorin und erste Ballettmeisterin, wurde zur Ballettdirektorin ernannt. Unter ihrer Leitung wolle man dem Publikum eine größere Bandbreite an Ballettproduktionen anbieten, „die vom klassischen Handlungsballett über zeitgenössische Tanzabende bis hin zu Nischenproduktionen reichen wird“, hieß es in einer Meldung. Dazu wolle man auch verstärkt international agierende Choreografen einladen. Immerhin, mit der recht unterhaltsamen und showmäßigen Choreografie „Romeo und Julia“ von Luciano Cannito hat das schon mal publikumswirksam funktioniert. Was die Zukunft bringt wird man sehen. Reiner Feistel übernimmt mit Beginn der neuen Saison die Stelle des Ballettdirektors am Theater in Ulm. Seine Uraufführung zum Abschied in Chemnitz, „Maria Stuart“, in der St. Markuskirche, wurde mit langanhaltendem Applaus und großem Jubel gefeiert.

Wie der Choreograf mit den räumlichen Herausforderung des monumentalen Bauwerkes, in der Nachempfindung norddeutscher Backsteingotik, von 1893 bis 1895 erbaut, umzugehen vermag, ist von beeindruckender Wirkung.

Der Raum wird einbezogen. Das Mittelschiff ist leer, dem Tanz vorbehalten, das Publikum auf ansteigenden Podesten auf beiden Seiten, der Altarraum mit vielen brennenden Kerzen wird tänzerisch nicht einbezogen, ist dennoch von besonderer Wirkung.

Über der Tanzfläche schweben unzählige, zierliche Schwerter, darunter stehen sich die Throne der konkurrierenden Königinnen gegenüber. Ausstatter Klaus Hellenstein hat sie als überdimensionale Prunkkleider gestaltet, in denen die Tänzerinnen gefangen sind und in denen sie ohne ihr Zutun durch den Raum bewegt werden können. Sie können im Kreis gedreht werden, sie können auf Konfrontation gebracht werden. Wenn die Tänzerinnen diese Gefängnisse der Macht verlassen, sind sie Menschen, junge Frauen. Das ist wohl eine Grundidee dieser Choreografie, die man in knapp 90 Minuten ohne Pause als ein auf das Wesentliche konzentriertes Kammerspiel unter der architektonischen Übermacht dieses Raumes erlebt.

Alanna Saskia Pfeiffer (Elisabeth I.) in Maria Stuart / Tanztheater von Reiner Feistel (Uraufführung) Foto von Ida Zenna

Isabel Domhardt tanzt die Rolle der Maria Stuart, Alanna Saskia Pfeiffer, die der Elisabeth I., und wie sie die Unterschiede der Charaktere dieser Frauen gestalten, das ist jeweils intensiv und überzeugend, vor allem berührend. Da sind die Momente der jugendlichen Unbeschwertheit der Isabel Domhardt als Maria, da ist die Strenge, die sie aber immer wieder zu durchbrechen sucht, der Alanna Saskia Pfeiffer als Elisabeth. Und da ist der immer präsente Tänzer Benjamin Kirkman als „Mortem“ – das Schicksal, eigentlich die Hauptrolle, als Kunstfigur in Weiß, Engel und Satan zugleich. Er lenkt die Geschicke, gibt den Frauen Richtungen vor, die sie in die Unentrinnbarkeit der Vorgaben politischer Machtstrukturen führen. Die Repräsentanten dieser Strukturen sind Männer. Die Frauen werden für sie zu Marionetten und Werkzeuge.

Und doch gelingen ihnen immer wieder Momente des Widerstandes. Es gibt im Tanz der Königinnen Höhepunkte von visionärer Kraft, wenn sie sich nahe kommen und spüren könnten, dass sie in ihren menschlichen Ansprüchen sich näher sind als es das Korsett der Mächte ihnen erlaubt.

Die Männer, die dabei ganz unterschiedliche Rollen spielen, Mörder und Intriganten, Geliebte, Liebhaber, Ehemänner und Verräter, werden in jeweils eindringlicher, choreografischer Charakterisierung kraftvoll und widersprüchlich zugleich, von Sandra Ehrensperger, Alejandro Guindo Martín, Ivan Charnev, Jean-Blaise Druenne, Alessio Ciacco und Milan Maláč getanzt.

Alanna Saskia Pfeiffer (Elisabeth I.) in Maria Stuart / Tanztheater von Reiner Feistel (Uraufführung) Foto von Ida Zenna

Und wenn am Ende Maria unterliegt, das Symbol der Macht, dieser Thron, zerfleddert wird, sich dessen Gestänge wie ein bis dahin verborgenes Gefängnis darstellt, dann geht der Blick Elisabeths auf ihrem Thron einsam und sehnsuchtsvoll in unbestimmte Ferne. Eine tragische Siegerin. Wesentlich für dieses Tanztheater ist die Musik in Form einer Klangcollage mit Zitaten und Passagen, die von der Renaissance bis in die Gegenwart führen und verschiedene Genres miteinander in Beziehung setzen in der Zusammenstellung unterschiedlicher Klänge mit eigenen Kompositionen von Bernd Sikora. Dazu das Spiel an der Orgel von Sebastian Schilling, welches bei ausgezeichnet ausgesteuerter Tontechnik dieser Korrespondenz der Klänge besondere Akzente setzt.
Alles dem Raum, der Handlung, der Thematik angemessen, dramaturgisch konsequent. Vorantreibend oder besinnlicher, wenn es darum geht Momente der Ruhe und des Innehaltens zu setzen. Natürlich spielt die Raumakustik eine besondere Rolle, macht noch einmal die Tragik der kleinen Menschen auch in der klanglichen Überwältigung von ihnen nicht zu bestimmender Mächte spürbar.

So erhält dieses Kammerspiel auch musikalische, beeindruckende Dimensionen der Weite im Sinne einer Reise durch die Zeiten. Und diese Reise führt am Ende vom 16. Jahrhundert, ganz ohne vordergründige Andeutungen, vor allem emotional und assoziativ, zu uns, in die Gegenwart.

Boris Gruhl

 

 

 

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