Performance

„Dancin’Carmina“

Das Leben als Tanz der Gefühle mit rastlosem Schwung – Ballett, Streetdance, Karate und Akrobatik verschmelzen in Christoph Hagels jugendfrecher Crossover-Produktion „Dancin’Carmina“.


Dancin Carmina © Niklas Faralisch

Schultern verschieben sich im Takt. Pferdeschwänze wippen und fliegen mit angewinkelten Armen um die Wette. Die Füße der Berlin HipHoppers kicken und stampfen. Unter Stier,- Zebra- und Hirschmasken stecken fünf Karateka. Mit der stählern-schnörkellosen Spannung ihrer kampfkunstgeschulten Körper umschleichen sie anmutige Tänzer, deren Köpfe üppige Blumengebinde schmücken. Vom Chor im Hintergrund werden in mittelalterlichem Kauderwelsch Qualen besungen. Ebenso Laster und Freuden. Davor prangen – symbolhaft wie das Schicksalsrad für Orffs „Carmina Burana“ – farbenpralle holografische Bilder. Erlebniswert: sinnlich multikomplex.
Erstaunlich, wie Christoph Hagel es immer wieder hinbekommt, Menschen in Begeisterung zu versetzen. Unterschiedliche Menschen – auf der Bühne genau wie im Publikum. Bei der Premiere von „Dancin‘ Carmina“ ist das Feuer deutlich spürbar, das in dem regieführenden Dirigenten für künstlerisch grenzüberschreitende Crossover-Formate brennt. Bekanntes wird mit dem Charme noch sehr junger Darsteller – darunter zwei Vertikaltuchakrobatinnen und ein Reifenartist aus Berlins Staatlicher Akrobaten-Schule – stilistisch aufgebrochen. Gleichzeitig Populäres durchaus ernst genommen.
Gezielt auf Lacher abgesehen hatte es Pantomime Elias Elastisch schon im Vorprogramm. Da mimte er zu Bizets „Carmen“-Ausschnitten einen kommentierungsfreudigen Torero. Beim Einheimsen von Entzücken übertrumpften ihn dann aber vier blutjunge Ballettkids – schmetterlingsleicht angetrieben von Mozarts „Kleiner Nachtmusik“. In dem altersgerecht mit viel Raum für Ausdruck choreografierten Stück müssen sie sich – den gelangweilt-strengen Anweisungen ihres Tanzlehrers zunehmend überdrüssig – an einer rollenden Stange mit Ballettübungen abrackern.
Als die Köpfe des süßen Quartetts schließlich ermattet auf Kissen sinken, geht es träumend weiter. Nur dass die aufgewühlten Eleven der Staatlichen Ballettschule Berlin jetzt von den HipHoppers wie Marionetten bewegt werden. Anstelle üblicher Perfektionsansprüche: der Mix diverser performativer Sprachen trägt den Abend. Im Vordergrund steht plötzlich ein mechanischer Blechspielzeug-Kreisel, um den sich zu Beginn des zweiten Teils die beiden Ballett-Boys zanken. Mehr brauchen Hagel und Raha Nejad (Choreografie) nicht für den Brückenschlag zu Orffs nach wie vor mitreißenden „Carmina Burana“.

Als ausgebuffter Klassik-Freak inszenierte Hagel diverse Opern-/Oratorien an ungewöhnlichen Orten. Seine enge Vertrautheit mit den werksouveränen Berliner Symphonikern und dem live on Stage singenden Ernst Senff Chor rührt daher. Knisterten die Frauenstimmen in leisen Höhen, so überflügelte ihr Gesang doch stets das mit viel Ironie inszenierte Getümmel der miteinander agierenden Gruppen. Die jungen Gesangssolisten Jaka Mikelač aus Kroatien und die Dresdnerin Christina Rotterberg konnten dank Mikroports auch spielerisch alles geben. So kamen Drive und lyrische Stellen der 24 „Beurer Lieder“ gut zur Entfaltung.
In der Kopfstimmen-Partie des Schwans am Rost grämte sich Stevan Karanac, verdeckt von einer monströsen Schlauchhaube, zu Tode. Dazu schleuderten die Karateka Powerschläge durch die Luft, die ganz ohne Berührung zierliche Ballettschwäne niedersäbelten. Ihre dynamitartig gesteuerte Bewegungsqualität veranschaulichte Orffs aggressive Grundrhythmen bestens. Rund und stimmig wurde es zum Schluss, als sich alle Darsteller zum Klappern der Ratschen in ein- und denselben Schrittmodus einklinkten. Positive Gemeinsamkeit verleiht Stärke. Die Unterschiedlichkeit der Form- und Bewegungsmodule macht die jugendfreche und frische Produktion erst interessant.

Dancin Carmina © Thomas Uhlemann

Zum Making-of von „Dancin’Carmina“:

Das Rad der Fortuna steht niemals still. Unaufhaltsam greift die launische Schicksalsgöttin in den Weltenlauf ein. Zunächst erhebt sie die Menschen in schwindelnde Höhen, um sie Augenblicke später wieder gen Boden niederstürzen zu lassen. Das Leben als Tanz der Gefühle mit rastlosem Schwung.
Carl Orffs „Carmina Burana“, an deren Anfang und Ende der rhythmisch prägnante „O Fortuna“-Chor steht, gehören seit der Uraufführung in Frankfurt 1937 zum Pool der Klassik-Ohrwürmer. Herausforderung jeder neuen szenischen Bühnenversion bleibt die zeitgemäße Umsetzung der darin vorkommenden Themenvielfalt. In einer Aneinanderreihung loser Bilder spiegeln sich Zeitbewusstsein und sinnliche Lebensfreunde ebenso wider wie Moralisch-Satirisches und Extrovertiert-Jugendliches. Oder es geht einfach ums Bechern, die Liebe, das Glück, den Frühling, Eros und Tanz.
„Zu Beginn des Projekts habe ich mich gefragt, wo eine Verbindung zwischen Klassik und Rap oder Hip-Hop besteht“, erzählt Devin Ash-Quaynor von den Berliner Hiphoppers. Mit weiteren elf Streetdancern ist er Teil des inneren Produktions- und jugendlichen Darstellerteams. „Bei der ersten Probe von ,Carmina Buranaʽ hörte ich diesen Song ,O Fortunaʽ – und dachte: Moment, den Sound kenne ich irgendwoher. Zuhause habe ich dann ,Hate Me Nowʽ von Rapper Nas und Puff Daddy gefunden, die diesen Track gesampelt haben. Recherchiert man weiter, findet man schnell heraus, dass sich viele Rapper gern an klassischer Musik bedienen.“
In Christoph Hagels ambitionierter Crossover-Inszenierung, die am 27. Februar im Münchner Prinzregententheater ihre szenische Premiere feierte, beamen Engel und Teufel in Gestalt zweier Balletteleven den Hip-Hopper Ash-Quaynor und seine Partnerin Safiyah Galvani ins Mittelalter. Dort singen ein Ritter (Jaka Mikelač) und ein Burgfräulein (Christina Rotterberg). Liebe ist – natürlich – vorprogrammiert. Hinzu kommt ein Flirt zwischen unterschiedlichen künstlerischen Ausdrucksformen. Für Hagel geht es um nichts weniger als die Verbindung von Hoch- und Jugendkultur.
Als Textvorlage für das heute meistaufgeführte Chor-Orchester-Werk diente dem Münchner Komponisten eine umfangreiche, im Kloster Benediktbeuren 1803 wiederentdeckte Sammelhandschrift weltlicher Vagantenlyrik aus dem Mittelalter. Seine Popularität in der breiten Öffentlichkeit verdankt die kostbare Anthologie Orffs kontrast- und steigerungsreicher Vertonung. Neuartig in ihrer Form von Musiktheater bewirkten die „Carmina Burana“ eine entscheidende Wende in Orffs Gesamtschaffen und bescherten ihm den künstlerischen Durchbruch.
Nun fusionieren metrische Gleichläufigkeit, rhythmische Leichtigkeit und perkussive Spieltechniken der Melodieinstrumente seines Signaturstücks in energiegeladenen Choreografien mit Streetdance, Artistik, Ballett, Pantomime und sogar Karate. Erstmals kamen nun noch holografische 3D-Effekte dazu (Visual: Daniel Bandke). Acht Jahre hat die Idee dazu den Regisseur und Dirigenten in Personalunion beschäftigt. Hagels Kreationen „Flying Bach”, „Breakin’ Mozart”, „Beethoven! The Next Level” und „Fuck You Wagner!“ feierten unterdessen mit Grenzüberschreitungen zwischen klassischer Musik und Breakdance Erfolge. Für „Dancin’ Carmina“ reichte Streetdance allein allerdings nicht mehr aus. Schließlich geht es Hagel um nichts weniger als die Verbindung von Hoch- und Jugendkultur.
Deshalb stieß Jörg Auffarth von den „Black Belt Karate Artists“ und eine Gruppe Karateka zum Team: „Die festen Abläufe, die wir Leistungssportler bei Wettkämpfen abspulen, haben auch ein bestimmtes Rhythmusgeflecht. Das kann man individuell etwas ändern, indem man eine Pause in die Länge zieht oder verkürzt. In ,Carmina Buranaʽ gibt die Musik alles genau vor. Wir müssen aufpassen, damit wir nicht beim letzten Paukenschlag noch in der Luft festhängen. Es geht um Sekunden – jeder Stoß muss auf den Ton genau sitzen.“

Vesna Mlakar

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