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WANTED! FRAUEN IN CHEFETAGEN.

 

Wo sind eigentlich die Frauen in führenden Positionen der Kultur? Gerade mal ein Dutzend Choreografinnen haben wir heute in Deutschland, nur wenige besetzen eine Top-Position als Ballett- Direktorin. Verglichen mit der Anzahl Mädchen, die sich in Ballettschulen und Tanzakademien ausbilden lassen, ist das nichts. Wie kommt es zu diesem Mangel?

Bedeutet der Begriff einer „guten Tänzerin“ etwa nur, „gutes Mädchen“ auf die Bühne zu sein? Ein verlängerter Arm des kreativen, männlichen Kopfes? Frauen haben durch Technik und Expressivität stark zur historischen Entwicklung des Balletts beigetragen. Doch bis heute fördert und fordert eine Tanzausbildung von Mädchen mehr die reproduktive als die kreative Seite. Die Betonung liegt auf Optik und Virtuosität. Kommt die kreative, choreografische Entfaltung von Tänzerinnen also zu kurz? Oder sind Frauen einfach nur nicht selbstbewusst genug? Wie kann es sein, dass Frauen weltweit nicht den gleichen Status erreicht haben wie Männer, die mit einer überwältigenden Mehrheit hohe Positionen in der künstlerischen und administrativen Führung halten.

Wie brisant das Thema ist, sieht man an den Reaktionen, mit denen die Tanzwelt auf ein Zitat aus einem Interview mit dem renommierten Choreografen Akram Khan reagierte. Mit seinem Statement: „We don´t need more female choreographers for the sake of it“, brachte er nicht nur Journalisten, sondern auch rund 400 Tanzschaffende gegen sich auf, die einen offenen Brief an Khan unterzeichneten. Am 21.1.2016 veröffentlichte „The Stage“ das Schreiben. Das Credo: Es muss sich etwas ändern, schließlich können wir können nicht darauf warten, dass ein Wunder von oben kommt.

Wir wollten wissen, wie deutsche Choreografinnen / Ballettdirektorinnen zu diesem Thema stehen und haben eine Umfrage gestartet. Lesen Sie hier die Antworten:

Bridget Breiner, Ballett-Direktorin am Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen beurteilt Akram Khans Zitat folgendermaßen:

„Es ist schwer, diese Aussage zu bewerten, weil sie ja völlig aus dem Zusammenhang genommen wurde. Aber es ist nicht falsch: Wir brauchen keine Frauen nur „um der Sache willen“, jedoch genauso wenig, wie Männer. Wir brauchen vor allem großartige Künstler! Wichtig ist natürlich, dass Frauen die gleichen Möglichkeiten haben, eine Karriere als Choreografin zu machen, wie ihre männlichen Kollegen.

Das Zitat eignet sich aber, um auf ein generelles Problem hinzuweisen: Vor allem im klassischen Tanz findet man nur sehr wenige Choreografinnen, in der zeitgenössischen Szene sind es kaum mehr. Da gibt es ein deutliches Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen.“

Hatten Sie in Ihrer Karriere als Choreografin und Tanzchefin den Eindruck, dass Theaterchefs männliche Kollegen vorziehen?

„Ja, ich habe beobachtet, dass ich anders behandelt wurde als meine männlichen Kollegen. Und ich kenne Choreografinnen, die zugunsten von Männern übersehen wurden. Auf meinem Weg hatte ich aber manchmal auch den Eindruck, dass es ein wenig hilfreich war, anders und nicht eine von Vielen zu sein. Weil es so unerwartet ist, eine Frau in dieser Position zu finden, bekommt die eigene Arbeit mehr Wirkung.“

Glauben Sie, dass es Frauen im Tanz an Selbstbewusstsein fehlt, Führungspositionen zu übernehmen?

„Das hat weniger mit Selbstbewusstsein zu tun als damit, dass viele klassische Tänzerinnen einfach ein anderes Bild von sich im Kopf haben. Sie kennen sicher das Zitat von Balanchine: “Ballet is woman.” Die Primaballerina steht als weibliches Ideal zwar im Zentrum, die Perspektive auf sie ist aber eine männliche. Durch die klassische Balletttradition sind die jungen Balletttänzerinnen sehr daran gewöhnt. Sie träumen davon, die großen Rollen zu tanzen und können sich dadurch ausdrücken. Es gibt allerdings nur Wenige, die im Anschluss an ihre Karriere dann den Wunsch haben, dies als Choreografin zu tun. Dafür existieren im Übrigen auch kaum weibliche Vorbilder.

Meinen Sie, dass man es erkennt, ob eine Frau oder ein Mann choreografiert?

„Nein, das glaube ich nicht. Wir alle sind sehr geprägt von dem, was uns inspiriert, was wir selbst getanzt und erlebt haben. Es steckt in unseren Körpern und das wollen wir zum Ausdruck bringen. Natürlich bin ich stolz darauf, Frau und Choreografin zu sein, aber ich denke nicht ununterbrochen daran.“

Im klassischen Bereich ist es besonders selten, als Frau eine Führungsposition zu übernehmen.  Da profitiert „frau“ mitunter sogar von der Sonderstellung, Chefin einer Compagnie zu sein. Im zeitgenössischen Tanz gab es immerhin berühmte Vorbilder, die allerdings aufgrund ihrer Größe eher einschüchtern, als bestärken dürften. Man denke nur an Pina Bausch oder Gret Palucca. Bis heute gibt es mehr Frauen in der zeitgenössischen Szene, vor allem im freiberuflichen Bereich. Einfach ist es dennoch nicht.

Nanine Linning, Chefchoreografin und künstlerische Leiterin am Theater in Heidelberg, spricht eine deutliche Sprache, wenn sie sagt: „Ich bin davon überzeugt, dass Frauen sehr fähige Führungspersönlichkeiten sind. Aber der Tanz ist, wie jede andere Kunstdisziplin auch, noch immer eine Männerdomäne. Wir brauchen nicht nur mehr Choreografinnen, sondern ganz allgemein mehr Frauen im Kulturbetrieb. Als weiblicher Künstler und künstlerischer Leiter muss ich härter arbeiten, um in meiner Karriere das Gleiche im gleichen Zeitfenster zu erreichen wie meine männlichen Kollegen in vergleichbaren Positionen in Europa. Kommt dann auch noch ein Kinderwunsch hinzu, dann wird die Karriereplanung erst recht problematisch, da dies eine Choreografin im Vergleich ein paar Jahre zurückwirft.“

 Jutta Ebnother, Tanzchefin am Theater Nordhausen meint, dass sich ein echter Künstler immer durchsetzen wird, egal, ob männlich oder weiblich: „Natürlich ist das eine ziemlich arrogante Haltung von Akram Khan. Doch der Tanz sollte größer sein als Neid, Rassismus und erst recht nicht geschlechtsabhängig sein! Egal ob männlicher oder weiblicher Choreograf, es geht um die Kunstform Tanz und wenn die Choreografie einer weiblichen Choreografin gut ist, wird sie sich behaupten können und erfolgreich sein!“

Auf die Frage, ob Frauen das Selbstbewusstsein fehlt, eine Führungsposition einzunehmen, sagt sie: „Nein, ich glaube das nicht! Es gibt genügend starke selbstbewusste Frauen, die künstlerischen und persönlichen Qualitäten mitbringen, eine Ballettkompanie zu leiten! Ich denke, es fehlt eher an Vertrauen jener, die die Führungsposition besetzen wollen.“

Prof. Birgit Keil, Ballettdirektorin am Badisches Staatstheater Karlsruhe, hat nicht den Eindruck, dass es Frauen in Deutschland an Möglichkeiten fehlt. Aus ihrer guten persönlichen Erfahrung als Tanzchefin hat sie wohl geschlossen, dass es keine Bevorzugung Männern gegenüber gibt.

Silvana Schröder, Ballettdirektorin und Chefchoreografin an den Bühnen der Stadt Gera meint: Das Publikum interessiert es nicht, ob da ein Mann oder eine Frau etwas choreografiert hat, aber ich denke, dass es mehr weibliche Choreographen braucht. Und dass sie es in einer von Männern dominierten Domäne sehr viel schwerer haben.“

Zur Äußerung Akram Khans sagt Schröder: Dieser Äußerung kann ich nur insofern zustimmen, dass selbstverständlich im Tätigkeitsfeld Choreografie das Talent an erster Stelle stehen muss, ganz egal, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt. In diesem Sinne bin auch ich gegen eine „Quote“ für Choreografinnen, denn ich glaube, dass sich das Talent des bzw. der Einzelnen gerade in der visuellen Sprache des Tanzes unmittelbar offenbart und dadurch für andere schnell erkennbar und förderbar wird.

Akram Khans Aussage halte ich dennoch für problematisch, da in ihr, aus meiner Sicht, eine zu bequeme Akzeptanz des Status Quo verborgen liegt. Hinter einer solchen Aussage steht nämlich meist die Argumentationslinie: ,Es gibt zu wenige bekannte, gute Choreografinnen, daher können wir sie leider nicht an großen Compagnien verpflichten und solange dies so ist, kann uns ja niemand vorwerfen, dass wir vorwiegend mit männlichen Kollegen arbeiten.` Das aber ist zu kurz gedacht. Fakt ist, dass genauso viele Frauen wie Männer choreografische Ausbildungen durchlaufen und am Ende trotzdem wesentlich mehr Männer als Frauen einflussreiche Positionen als Chefchoreografen besetzen.

Besonders auffällig ist das im Bereich des klassischen Tanzes. Wenn Sie zum Beispiel einmal an die großen klassischen Tanzcompagnien in Deutschland denken – Staatsballett Berlin (Nacho Duato, zuvor Vladimir Malakhov), Bayerisches Staatsballett (Igor Zelensky, Ivan Liška), Ballett Hamburg (John Neumeier), Stuttgarter Ballett (Reid Anderson, Marco Goecke, Demis Volpi), Semperoper Ballett (Aaron Watkin), Ballett am Rhein (Martin Schläpfer), etc. – wird die Dominanz männlicher Choreografen sehr deutlich. 

Große Bekanntheit und, wenn man diesen Begriff im künstlerischen Kontext so verwenden möchte, „Karrieren“ sind Choreografinnen bislang vor allem im zeitgenössischen bzw. modernen Tanz gelungen. Wichtige Namen sind hier zum Beispiel Pina Bausch, Sasha Waltz, Reinhild Hoffmann, Mary Wigman und Gret Palucca. Interessant ist, dass all diese Choreografinnen sehr eigene Wege, meist außerhalb der etablierten Tanzinstitutionen und Compagnien, gegangen sind und wohl auch gehen mussten.

Ich glaube, dass es bis heute für Frauen schwierig sein kann, in institutionalisierte Theaterstrukturen einzudringen – auch wenn z. B. Birgit Keil, Bridget Breiner, Birgit Scherzer, Jutta Ebnother und ja auch ich beweisen, dass dies möglich ist. Wenn man das Missverhältnis zwischen choreografischem Talent, das meiner Ansicht nach prinzipiell bei Frauen und Männern in gleichem Maße vorhanden ist, und der Besetzung von Choreografen-Positionen angehen will, dann muss man genau hier ansetzten: an der Übergangsstelle zwischen künstlerischer Ausbildung und ersten professionellen Engagements. Junge Choreografen und Choreografinnen müssen in gleicher Weise die Möglichkeit erhalten, ihre künstlerische Arbeit Publikum, Tanzinsidern und Direktoren zu präsentieren. Erst dann kann eine Auswahl getroffen werden, bei der das choreografische Talent entscheidet.“

 

Ihren Karriereweg reflektiert Silvana Schröder folgendermaßen:

 

Ich kann mich sehr gut daran erinnern, dass mein Bruder, Mario Schröder, der Ballettdirektor und Chefchoreograf des Leipziger Balletts ist, einmal zu mir gesagt hat, dass ich es manchmal viel schwerer gehabt hätte als er, mich als Chefchoreografin und Ballettdirektorin zu etablieren.

Mein erster Gedanke ist, dass ich großes Glück hatte, mit nur 33 Jahren am Theater Gera die Ballettdirektion angeboten bekommen zu haben. Da gab es einen Intendanten, der mich aufgrund meiner künstlerischen Arbeit ausgewählt und auch anderen, männlichen Bewerbern vorgezogen hat. Nach meiner ersten Amtszeit als Ballettdirektorin und weiteren Jahren als freischaffende Choreografin wurde ich 2011 wiederum von einem Intendanten gebeten, an das Theater zurückzukehren (und wiederum anderen, männlichen Bewerbern vorgezogen). Eine Diskriminierung aufgrund meines Geschlechts habe ich also, glücklicherweise, beruflich nicht erfahren.

Aber ich frage mich manchmal, ob die heutzutage auch aufgrund von Sparmaßnahmen immer häufigere Kombination von Ballettdirektion und Choreografie weibliche Kolleginnen potenziell benachteiligt. Hier ist mein persönlicher Eindruck, dass viele Theater an Gastchoreografinnen interessiert sind, aber sich bei der Besetzung von Leitungsfunktionen doch meist für Männer entscheiden, von denen sie sich anscheinend größere Führungskompetenz und betriebstechnische Kenntnisse erhoffen.“

 

An Selbstbewusstsein fehle es Frauen nicht. Damit ist Silvana Schröder derselben Ansicht wie ihre Kolleginnen und nennt auch gleich Beispiele:

 

„Wenn wir einmal über die Frage der Choreografie hinausgehen, fällt auf, dass es eine ganze Reihe herausragender Direktorinnen gibt und gegeben hat, die sich nicht davor scheuen, große Tanzcompagnien zu leiten. Ich denke da zum Beispiel an Brigitte Lefèvre, die das Pariser Opernballett von 1994 bis 2014 sehr erfolgreich geführt hat. Nach nur anderthalb Jahren der Amtszeit des jetzigen Direktors, Benjamin Millepied, wird zu Beginn der kommenden Spielzeit mit Aurélie Dupont wieder eine Frau das Zepter in Paris übernehmen. Ein anderes Beispiel ist auch Monica Mason, der es gelungen ist, das Royal Ballet in London von 2002 bis 2012 zu einer künstlerischen Öffnung zu neuen, zeitgenössischen Choreografien zu führen. Und dass es das Royal Ballet überhaupt gibt, ist auch einer Frau zu verdanken, nämlich Ninette de Valois, die mit riesigem Engagement und unternehmerischen Geist 1931 eine bis dato nicht vorhandene englische Balletttradition begründete. Auf Deutschland bezogen, denke ich noch einmal an Bausch, Palucca oder auch Waltz, die eigene Compagnien, Schulen und Tanzhäuser gegründet haben. Daher sage ich: Frauen haben definitiv das Selbstbewusstsein, Führungspositionen im Tanz zu übernehmen und beweisen mindestens so viel unternehmerischen Mut wie ihre männlichen Kollegen.

Ansonsten gelten im Tanz die gleichen Herausforderungen für Frauen in Führungspositionen wie in anderen Arbeitsfeldern, allen voran die nicht immer einfache Verbindung von Beruf und Familie. Gerade am Theater sind die Arbeitszeiten oft lang und nicht voraussehbar, wenn es zum Beispiel um Proben für ein neues Tanzstück geht. Ich würde mir wünschen, dass sich unsere Gesellschaft im Allgemeinen und die internen Verhältnisse in Theaterbetrieben im Speziellen immer weiter in eine Richtung entwickeln, die es Frauen ermöglicht, sich sowohl beruflich als auch privat zu verwirklichen. 

 Über diese spezielle Frage hinaus glaube ich, dass das Thema „Frauen im Tanz“ ein höchst spannendes und vielschichtiges ist. Es wäre schön, wenn es dazu einmal eine Diskussionsreihe gäbe, die Choreografen und Ballettdirektoren aus unterschiedlichen Städten und Ländern an einen Tisch bringen würde. Meine obigen Antworten ergeben sich aus meinen persönlichen Eindrücken und meiner bisherigen Tanzbiographie. Ich bin sicher, dass die Stellung von Frauen im Tanz von Theater zu Theater variiert und dass eine größere, differenzierte Diskussion neue Wege aufzeigen könnte, der Arbeit von Choreografinnen die Bühnenpräsenz zu schenken, die sie verdient. And not just for the sake of it!“

Artikel und Umfrage von Mihaela Vieru und Isabell Steinböck, erschienen in der Ausgabe 2/2016 (71)

 

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