Ballroom

Der Wertungsrichter

Der Wertungsrichter:
Spaßbremse und politischer Erfüllungsgehilfe der Tanz-Verbände

Turniertanzen könnte so schön sein. Hochgemut betritt das Paar die Fläche und schon geht es los. Die Musik schwelgt, die Bewegung fließt und himmlische Harmonie legt sich über die Szenerie. So weit der Traum. Die Realität sieht anders aus. Das Paar kommt aufs Parkett und der Schreck sitzt ihm noch in allen Gliedern, weil sich beim Eintanzen unüberbrückbare Gegensätze aufgetan haben. Außerdem wurde man von der Konkurrenz schon vorsorglich getreten und mit dem Ellbogen traktiert, um klarzustellen, wer die Hoheit auf der Fläche hat. Und dann stehen da noch einige Damen und Herren am Rande, die einem dann den Rest geben: die Wertungsrichter. Erfahrene Tänzer brauchen bloß die Startliste und die Namen des Wertungsgerichts lesen, um zu wissen, wie das Turnier ausgeht. Überraschungen sind da eher die Ausnahme. Denn wie beim Eiskunstlauf gang und gäbe, gibt es auch im Tanzsport unheilige Allianzen. Wertest Du mein Paar, werte ich Dein Paar, ist die eher harmlose Variante. Das Haus-Paar des ausrichtenden Clubs darf auch mit einem Bonus rechnen und wehe der clubeigene Wertungsrichter hält sich nicht daran, sondern folgt seinem Gewissen und den Wertungskriterien…

Bei internationalen Tanz-Turnieren wird daher schon mal darauf verzichtet, im Finale nach jedem Tanz die offene Wertung zu zeigen. Erst wenn alles vorbei ist, dürfen die Herren und Damen ihre Täfelchen heben. Was natürlich dazu führt, dass es kaum zu Erholungs-Pausen zwischen den Tänzen kommt und die Paare in einem Par-Force-Ritt mehr ihre Kondition als ihr Tanzvermögen präsentieren. Denn so eine Runde entspricht schon mal einem Kilometerlauf – bei großen Starter-Feldern ist das Finale meist der sechste, der absolviert werden muss.

Dabei hört sich eigentlich alles gut an, wenn man liest, was die World Dance Sport Federation über die Bewertung von Tanzsport äußert. Da ist die Rede von der Faszination, die Tanzen ob seiner Ästhetik ausübt. Der Kunstaspekt der Performance wird herausgestrichen. Und von fairem Wettbewerb ist die Rede, bei dem alle darauf aus sind, die perfekte Synthese zwischen Technik, artistischen Fähigkeiten und Athletik zu präsentieren.

Da es ja keine Kriterien, etwa Stoppuhr oder Maßband, wie in anderen Sportarten gibt, greifen eine ganze Reihe von Gesichtspunkten, wenn es um die Beurteilung geht. Von Posture ist die Rede, die Tänzer elegant aussehen lässt, von Timing und Basis-Rhythmus, von Körper-Linien, von Haltung, Bewegung, Präsentation, rhythmischer Aktion, Fußtechnik, Floorcraft usw. Aber auch wie die Tänzer als Paar zusammenwirken und wie ihre Kleidung und ihr Auftreten zusammen wirken. Wie Teile eines Puzzles sollen diese Kriterien ineinandergreifen, um das gewünschte Bild zu ergeben. Wobei die Wertungsrichter natürlich sofort sehen (sollen), woran es krankt. Und natürlich werden diese Kriterien nicht alle zugleich angewendet. Der deutsche Amateurverband benennt das ganz klar: „Die Wertungsgebiete sind hierarchisch geordnet: Kann man beispielsweise nach dem Wertungsgebiet 1 – Musik – die tanzenden Paare differenzieren, werden die nachfolgenden Wertungsgebiete nicht berücksichtigt. Wenn alle Paare Takt und Grundrythmus gleichermaßen halten, wird das nächstfolgende Wertungsgebiet herangezogen und so weiter.“
Das bedeutet im Klartext, dass wenn als erstes Takt und Rhythmus stimmen sowie die Balancen, erst dann das Kriterium Bewegungsablauf dran ist und ganz zum Schluss erst die Charakteristik des Tanzes einschließlich des Bestrebens, Musik zum Ausdruck zu bringen. Bis es soweit ist, haben die Tanzpaare aber bereits mehrere Klassen durchlaufen, in denen es keine Rolle spielt, ob sie nun die spielende Musik vertanzen oder nicht. Musikalität wird da nicht gewertet, nachdem es ja andere Unterscheidungsmerkmale gibt. Das heißt, erfolgs-orientierte Trainer legen auch gar keinen Fokus drauf. Tanzpaare werden nicht von Anfang an sensibilisiert für ihr Tun, sondern erst einmal athletisch auf Vordermann gebracht. Dementsprechend sieht das Tanzen im deutschen Amateurverband denn auch aus. Wer schließlich in die S-Klasse aufsteigt, in der dann doch gelegentlich das Kriterium Musikalität in Anschlag gebracht wird, um die Paare auseinanderhalten zu können, muss verdutzt feststellen, dass es da noch etwas anderes gibt, von dem er wenig Ahnung hat. Wie auch. Selbst bei Weltmeisterschaften der World Dance Sport Federation gibt es Final-Paare, für die Musikalität ein Fremdwort ist – allen voran die russischen Tanz-Akrobaten, das Geschwisterpaar Konvalevsky. Wo es eigentlich auch darum gehen sollte, die Charakteristik der Tänze sichtbar zu machen, schafften sie es bei ihrer Einzelvorführung, einen langsamen Walzer im gestreckten Galopp so aufs Parkett zu donnern, dass man sich verdutzt die Augen rieb und sich fragte, ob denn da überhaupt eine einzige Walzer-typische Rechtsdrehung vorgekommen ist…

 

Beim World Danke Council (WDC), dem anderen großen Weltverband, dem die deutschen Professionals angehören und der – wie wir berichtet haben – durch politische Manipulationen der World Dancesport Federation (WDSF) gezwungen war, eine eigene Amateur-Abteilung aufzumachen, liegen die Dinge anders. Hier werten ausschließlich Professionals und nur, wer die Klasse selbst getanzt hat, darf werten. Das ist bei der WDFS anders. Hier haben die Funktionäre die Oberhoheit. Das heißt, jeder kann alles werten, sofern er denn die Lizenzschulungen absolviert. Ob er selbst je getanzt hat, ist unwichtig. Da wird der Proband auf Linie getrimmt und ist verpflichtet, genauso zu werten, wie es der Verband gerne hat. Bei einer Probewertung muss er in einem Life-Turnier parallel mitwerten und darf sich nur zu einem kleinen Prozentsatz von den eingesetzten Wertungsrichtern unterscheiden, sonst besteht er die Prüfung nicht. Wenn man allerdings weiß, dass eine Weltmeisterin im Professional-Lateintanzen beim Werten eines niederklassigen Latein-Turniers durchgefallen ist, dann regen sich doch einige Zweifel am System. Denn keiner wird mit Fug und Recht behaupten können, dass die Dame eben nichts vom Lateintanzen versteht…

Geht es da ums Tanzen oder darum, dass der Verband irgendetwas durchsetzen will?! Opportun ist zudem, dass so eine erworbene Lizenz ständig durch (teure) Erhaltungsschulungen erneuert werden muss. Das heißt, den Wertungsrichtern wird unter dem Vorwand von Fortbildung ständig vorgegeben, was und wie sie werten sollen. Politisch hochgerechnet heißt das: Fraktionszwang. Das geht sogar so weit, dass auf youtube ein kleines Filmchen eingespielt wurde, das zeigt, wie ein Wertungsrichter während des Wertens heimlich auf seinen Spickzettel schaut, ob er auch ja die „richtigen” Paare angekreuzt hat. Das persönliche Gewissen wird außer Kraft gesetzt… Und sollten sich doch ein paar versprengte Wertungsrichter nicht von ihrer persönlichen Meinung abbringen lassen, werden sie eben bei der Vergabe von Turnierterminen vom Verband nicht mehr berücksichtigt.

Das ist beim WDC und dem deutschen Professionalverband (einschließlich seiner Amateur-League) nicht so. Hauptargument der Gegenseite: Professional sei keine geschützte Bezeichnung und jeder (Unbefugte) könne Professional werden. Doch in der Praxis ist das sehr selten. Bis auf ein versprengtes griechisches Paar vor etlichen Jahren, das auf C-Klasse-Niveau neben den Top-Professionals bei Weltmeisterschaften tapfer mitgestiefelt ist (prompt in der Vorrunde ausschied) und durch den Kontrast erst recht das Können der Professionals belegte, ward niemand unter S-Klassen-Niveau gesichtet. Takt und Rhythmus stehen als Kriterien auch hier an erster Stelle, geht es doch in erster Linie darum, Musik zu vertanzen. Dann folgt gleich der Bewegungsablauf: „Dabei kommt es darauf an, dass sich das Paar dem Tanz entsprechend charakteristisch bewegt, dass je nach Tanz eine „weiche“ und „fließende“ Bewegung zu sehen ist. Schwungvoll soll das Tanzen ebenfalls sein. Hat das Paar eine zu kleine, nicht schwungvolle Bewegung, kann es z.B. im Takt sein, aber nicht rhythmisch und musikalisch, da dieses alles zusammenhängt” kann man auf der DPV-Homepage nachlesen. Natürlich spielen auch Haltung und Technik eine Rolle. „Hier werden u.a. Dinge wie Basic, Fuß-(arbeits)technik und Beinarbeit mit zur Bewertung herangezogen. So ist z.B. ohne Beherrschung der richtigen Technik musikalisches Tanzen (normalerweise) zu wenig dynamisch und dynamisches Tanzen zu wenig musikalisch” erklärt der DPV seine Bewertungskriterien. Sogar die Ausstrahlung des Paares kann bei gleichwertigen Leistungen eine Rolle spielen. Von einer automatischen Hierarchie ist jedoch keine Rede. Das heißt, hier wird das Augenmerk von Anfang an auf das gesamte Tanzen gelegt. Wer je Turniere des WDC – gerade auch auf höherer Amateur-Ebene – verfolgt hat, beispielsweise beim London Ball, sieht sofort, dass hier ein anderes Tanzen stattfindet.

Natürlich gibt es überall Bestrebungen, das Wertungssystem zu verbessern. So sind gerade erste Testversuche beim WDC gelaufen, in denen der ehemalige Italienische Latein-Landesmeister Roberto Pregolato Neuerungen präsentierte. Da wurde im Finale allen Wertungsrichtern – ohne dass sie es vorher gewusst hätten – nur ein einziges Wertungsgebiet zugeteilt. So konnten sie sich in den 15 bis 20 Sekunden, die ihnen je Paar in der Runde zum Werten bleib, ganz klar auf nur eine Sache konzentrieren. Und siehe da: plötzlich zeigten sich nach der Addition der Plätze in den Einzelkomponenten komplett andere Ergebnisse, als man sie vorhergesehen hätte! Das ist schon mal ein hervorragender Ansatz, beim Werten all die anderen Gesichtspunkte, außer den Tanz-Kriterien, außen vor zu lassen.

Autor: Ute Fischbach-Kirchgraber
Fotos: Thomas Kirchgraber

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