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Juniorcompany – ein Karrieresprungbrett?

Tanzstudenten haben ein ziemlich geregeltes Leben während ihres Studiums, trainieren intensiv und besprechen ihre Ziele mit den Lehrern oder Kollegen. Doch am Ende ihrer Ausbildung haben sie meist eine schwere Aufgabe vor sich: Wie und wo sollen sie sich bewerben? Wer engagiert Bühnenanfänger, die, abgesehen von ihrer Ausbildung und der großen Konkurrenz aus der ganzen Welt so gut wie keine Berufserfahrung sammeln konnten? Isabell Steinböck hat drei Tänzer nach ihren Karriere-Starts gefragt. Agnès Girard, Tri Thanh Pham und Mirko de Campi sind bei Hans Henning Paar am Theater Münster engagiert. Alle drei haben eins gemein: Sie waren in einer Juniorcompany.

Agnes Girard Foto Oliver Berg

Tri Thanh Pham war 23 als er sich entschloss, die Vietnamesische Nationaloper zu verlassen, um sein Glück in Europa zu suchen. Damals lernte er Hans Henning Paar kennen, der zu dieser Zeit noch Ballettchef am Gärtnerplatztheater in München war und ihm die Chance gab, fünf Monate dort mit ihm zu arbeiten. „Für mich war klar: Man lebt nur einmal“, erzählt Tri Thanh Pham. „Und ich wollte das Beste für mein Leben als Tänzer, deshalb ging ich mit.“

Europa bedeutete für den jungen Künstler vor allem eins: Freiheit. „In Vietnam wird man als Tänzer nicht so respektiert wie hier. Ich konnte von meinem Opernengagement nicht leben, sondern musste zusätzlich noch Gesellschaftstanz unterrichten oder irgendwo anders auftreten: Nachts, auf einer Party, oder um 7 Uhr morgens in einem Supermarkt. Hier bin ich nur Künstler“, sagt Tri Thanh Pham stolz. Dass er nach seinem Münchner Engagement in der Schweizer Cinevox Juniorcompany landete, hatte vor allem praktische Gründe: „Ich brauchte eine Aufenthaltsgenehmigung. Und ich konnte kein Englisch, musste mich erst einmal an die neue Kultur gewöhnen. Bei Cinevox hatte ich Freunde, die mir viel geholfen haben.“

Als Stipendiat blieb dem jungen Tänzer das Schulgeld erspart, finanziell war es dennoch eine Herausforderung: „Die Schweiz ist sehr, sehr teuer. Es ist schon hart, wenn man sein Geld aus Vietnam mitbringt und in wenigen Monaten fast alles aufgebraucht ist. Meinen Eltern habe ich das besser nicht erzählt (lacht).“

Als gestandener Tänzer bekam der junge Mann in der Juniorcompany begehrte Solorollen; trotzdem war er mitunter enttäuscht: „Das Ensemble war viel jünger; ich fühlte mich, als ginge ich zurück zur Schule. Was ich außerdem vermisst habe: Allein für mich zu trainieren. Ich wollte mich auf Vortanzen vorbereiten, aber sie haben mir den Raum nicht gegeben. Der Ballettsaal wurde einfach abgeschlossen, weil alle nach Hause wollten.“

Was er an Cinevox schätzt, sind die jungen, talentierten Tänzer aus aller Welt, die mit Energie und Leidenschaft bei der Sache sind. „Tänzerisch ist es ein gutes Niveau.“ Für Tri Thanh war die Juniorcompany dennoch nur ein kurzer Einstieg. Sieben Monate später holte ihn Darrel Toulon für zwei Spielzeiten an die Oper Graz, bevor er zur aktuellen Spielzeit nach Münster wechselte.

 Tri Thanh Pham Foto Oliver Berg

 

Mirko de Campi (20) war noch in der Ausbildung, als er Fabrizio Monteverde in seiner Heimatstadt Bari kennenlernte. Der Choreograf arbeitet mit der Juniorcompany Balletto di Toscana zusammen, wollte Mirko gern dabei haben und forderte ihn daher auf, sich an der Schule zu bewerben. „Es hat geklappt und ich wurde auch ausgewählt für die Juniorcompany“, erzählt der junge Tänzer. „Morgens hatten wir Unterricht in Ballett und Contemporary, danach haben wir von 11 Uhr bis 16 / 17 Uhr geprobt. Und danach gab es dann wieder Tanzklassen. Es war ein voller Tag.“

Was er dort vor allem lernte, war klassische Technik: „Ich hatte nie geplant, Balletttänzer zu werden. Mein Interesse galt immer dem zeitgenössischen Tanz. In der Schule des Balletto di Toscana ist mir zum ersten Mal bewusst geworden, wie wichtig Ballett für einen Bühnentänzer ist. Man muss kein Roberto Bolle werden, aber die Technik ist immens wichtig – auch für zeitgenössischen Tanz.“

Am wesentlichsten sei jedoch Bühnenerfahrung, die man in einer Juniorcompany sammelt. „Ich bekam die Möglichkeit, mich selbst auf der Bühne zu entdecken. Wenn du in einer Schule tanzt oder in einem Studio, kannst du weit kommen. Aber nie so weit wie auf der Bühne, denn nur dort spürst du das Publikum. Tänzer sind exhibitionistisch“, sagt er lachend. „Wir brauchen unser Publikum.“ Im Theater müsse man plötzlich mit Situationen klarkommen, die man sonst nicht kennt: „Wenn du etwas falsch gemacht hast, musst du schnell reagieren. Das habe ich dort gelernt. Es hat mich auch gut auf Vortanzen vorbereitet; das ist ja quasi dasselbe wie eine Bühnenvorstellung: Man muss sein Bestes geben und verbergen, wenn etwas nicht so gut läuft.“

Da die Arbeitsbedingungen für Tänzer in Italien sehr schlecht sind, ist er froh, nun in Deutschland engagiert zu sein. „In Italien wird das Geld nicht in Kultur investiert, daher sind mittlerweile viele Theater geschlossen. Und für zeitgenössischen Tanz haben wir lange nicht so viele Bühnen wie hier in Deutschland“, erklärt de Campi. Zeitgenössische Truppen gebe es nicht am Stadttheater, sie seien ausschließlich privat oder durch Sponsoring finanziert. „Ich war am Balletto di Roma engagiert; wir mussten von Theater zu Theater reisen und Bühnen suchen, die die Kosten tragen. Als klassischer Tänzer hat man es ein wenig besser, aber auch da liegt die Gage um einiges unter dem monatlichen Einkommen eines Tänzers in Deutschland.“

 Mirko de Campi (li), Elisabeth Towels, Jason Franklin. Foto Oliver Berg

Agnès Girard (27) hat sich an den Opernballettschulen in Paris und Marseille sowie an der Königlichen Ballettschule in Antwerpen ausbilden lassen und ging mit 17 zum Vortanzen – vergeblich.  „Ich war noch sehr jung und habe nichts gefunden. Deshalb entschied ich mich für ein Studium in Amsterdam (Bachelor of Arts). Es ist immer gut ein Diplom zu haben.“ Als dann wieder Vortanzen anstanden, konnte sie nicht teilnehmen, weil sie verletzt war. Die einzige Audition, die zeitlich passte, war in Montreal für die dortige Juniortanzcompany. „Da war ich 19. Es war quasi noch Teil der Ausbildung; meine Eltern haben die Kosten für meine Teilnahme an der Company bezahlt. Am Wochenende habe ich als Assistent Teacher gejobbt; das hat wenigstens ein bisschen Geld eingebracht.“

Im Gegensatz zu Mirko hat die klassisch ausgebildete Agnès in Montreal ihre moderne Technik verbessert. „Wir haben dort neoklassisch und modern getanzt, in vielen verschiedenen Stilen diverser Choreografen. Man kann viel lernen, wenn es so unterschiedlich ist.“ 

Mit der Juniorcompany ist sie durch Deutschland, Frankreich und Mexico getourt. „Es war wie bei einer richtigen Company, nur zeitlich etwas begrenzter, weil die meisten Ensemblemitglieder morgens noch zur Schule gingen.“ Alles in allem wertet sie ihre zwei Jahre in der Juniorcompany als gute Erfahrung, um sich persönlich als Künstlerin zu entwickeln.  Und: „Die Stimmung unter den Tänzern war sehr gut.“  Ein vierjähriges Engagement an der Oper Graz schloss sich an, danach wechselte sie 2014/15 ans Tanztheater Münster.

Auf die Frage, wie sie die Chancen junger Tänzer einschätzt, ohne viel Bühnenerfahrung ein längerfristiges Engagement zu bekommen, sagt sie: „Viele meiner Freunde sind einen ähnlichen Weg gegangen. Aber ich glaube, wenn man eine Schule besucht, die mit verschiedenen Choreografen zusammenarbeitet und Bühnenauftritte ermöglicht, kann es auch ohne Juniorcompany klappen. Oder wenn man genau dem Profil entspricht, das der Choreograf sucht.“

Wer dieses Glück nicht hat, sollte sich vielleicht doch einmal nach einer Juniorcompany umsehen. Nicht immer sind sie an eine Schule angeschlossen, die sich die Teilnahme bezahlen lässt. Es gibt durchaus Kompanien, die den jungen Künstlern Gage zahlen (Beispiel: Junior Ballett Zürich oder Bundesjugendballett Hamburg). Man muss es nur erst einmal schaffen, in einer der wenigen Truppen weltweit unter zu kommen.

Eine Alternative bietet der Einstieg über ein Praktikum, als Hospitant in einer Company, wie es beispielsweise in den Niederlanden im letzten Ausbildungsjahr gang und gäbe ist. Üblicherweise wird das Praktikum nicht bezahlt, die jungen Tänzer können jedoch in der Zusammenarbeit mit professionellen Tänzern Erfahrung sammeln und erhalten einen Einblick in den Theateralltag. Und wenn junge Tänzer über das nötige Maß hinaus engagiert sind – etwa als mögliche Zweitbesetzung Rollen lernen – ist das vielleicht die Chance ihres Lebens. Agnès rät angehenden Tänzern Folgendes: „Nimm Kritik nicht zu persönlich, sondern arbeite entsprechend an dir. Und gib nicht vor, jemand anderer zu sein als du bist. Mit deiner Persönlichkeit kannst du viel mehr beeindrucken. Wenn du die Stelle dann nicht bekommst, weil dein Profil ein anderes ist, ist es auch nicht schlimm. Es würde dich ohnehin nicht glücklich machen.“

Interviews von Isabell Steinböck 

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