Tanz als Beruf etablieren - Interview mit Tobias Ehinger

26.11.2016

Tanz als Beruf etablieren
Interview mit Tobias Ehinger, zweiter Vorsitzender des Deutschen Berufsverbands für Tanzpädagogik, über die Professionelle Tanzausbildung in Deutschland


Wir haben in Deutschland rund zehn staatliche und unzählige private Tanz- und Ballettschulen, doch in den Stadttheater-Kompanien gibt es so gut wie keine deutschen Tänzer. Wie kommt das? Ist die Ausbildung in Deutschland nicht konkurrenzfähig?

Das kann man so nicht sagen. Zwar sind an den Bühnen kaum Deutsche engagiert, aber die meisten Tänzer sind Absolventen deutscher Hochschulen. Nur studieren an deutschen Tanz-Hochschulen kaum Deutsche.

Wie kommt das?

Die deutschen Hochschulen sind sehr, sehr gut im Tanz, also mit die führenden Schulen weltweit. Aber die Vereinbarkeit von allgemeiner Schulausbildung und professioneller Ausbildung zum Tänzer ist schwierig. Wenn sich ein Kind mit acht, neun Jahren dazu entschließt, eine professionelle Laufbahn einzuschlagen, muss es im Prinzip morgens in die allgemeinbildende Schule gehen und nachmittags in die staatliche Kunstschule. Das ist eine Doppelbelastung und nicht immer kompatibel. Die staatliche Ballettschule Berlin ist die einzige Akademie, die beides bietet. In Dresden läuft die Schulausbildung bis zur Mittestufe, in Essen gibt es ein abgewandeltes Modell, wo es anstelle vom Leistungsfach Sport das Leistungsfach Tanz gibt. Aber die Tanzausbildung kommt zu kurz, sie läuft nicht bis zum Ende.

Das zweite ist ein gesellschaftliches Phänomen: Einerseits gibt es eine unglaubliche Dichte von professionellen Tanzkompanien, wie nirgendwo anders auf der Welt. Es ist etabliert, dass man sich Tanz anschaut, der Beruf als solcher ist jedoch gar nicht etabliert. Auch meine Großmutter hat mich bis zu ihrem Tod gefragt, wann ich denn endlich mal ´ne Bäckerlehre mache, um was fürs Leben zu haben. Dabei war ich da schon in der Ballettdirektion (lacht). Diese Denke ist tief verankert. Im Ausland sieht es anders aus.

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