Karibik-Feeling und mehr „Debut“ von Acosta Danza erobert Londons Publikum im Sturm

10.11.2017

12 Frauen und neun Männer hat Carlos Acosta um sich versammelt. Die 2015 vom ehemaligen Principal des Royal Ballett gegründete Kompanie feierte nun ihr Europa-Debüt im Sadler’s Wells in London. Alle Ensemblemitglieder stammen aus Kuba und sind vortrefflich ausgebildet. Trainiert wird – klassisch und modern, von Flamenco bis zu Akrobatik und Schauspiel – zuhause in Havanna. Dort kam Acosta 1973 in einem Armenviertel zur Welt. Dorthin kehrte der Startänzer zurück, um mit Acosta Danza einen künstlerischen Anteil an der Fortentwicklung seiner Heimat zu leisten.
Die sozialpolitischen Veränderungen auf der größten Antillen-Insel schreiten derzeit rasant voran. Schon kümmert sich Acostas Team neben den Profis um 11 Studenten. Nächsten Herbst sollen weitere mittellose Talente aus aller Welt hinzukommen – für eine hochkarätige Ausbildung for free! Acosta will zurückgeben, was ihm das Land einst ermöglichte. Er will seine Leidenschaft fürs Tanzen mit der jüngeren Generation teilen, sie inspirieren und weiterbringen.


Acosta Danza © Manuel Vason

Das bereits in kurzer Zeit recht ansehnliche Repertoire soll die selbst sehr kreativen Tänzer auf keine bestimmte Art des Sich-Bewegens festlegen und Stilgrenzen aufbrechen – vielleicht vergleichbar dem Vorbild des Alvin Ailey American Dance Theater. Über das notwendige Netzwerk und den Draht zu Choreografen für dieses Konzept verfügt Carlos Acosta. Davon konnte man sich am 27. September bei der Premiere am Sadler’s Wells, dem Londoner Tanzhaus, das Acosta Danza mitunterstützt, überzeugen.
Gleich zu Beginn lenkt in „El Cruce Sobre El Niágara“ („Die Überquerung des Niagara“) Licht den Blick auf erst einen, dann zwei außergewöhnliche Tänzer: Raúl Reinoso und Julio León vollführen ein hyperathletisches, gnadenlos schweres Adagio, das sie zu Klängen von Olivier Messiaen mehrfach schräg über die Bühne führt. Verblüffend, dass die Kubanerin Marianela Boán das Stück bereits vor 30 Jahren schuf. So zeitlos körperlich-kraftvoll kommt ihre Auseinandersetzung mit dem Hochseilakrobaten Charles Blondin daher, der in einer spektakulären Aktion sogar seinen Manager über den Fluss trug.


© Manuel Vacon

Justin Pecks „Belles-Lettres“ zu Musik von Cesar Franck haben es im direkten Anschluss schwer. Die Choreografie des Amerikaners, Hauschoreograf beim New York City Ballet, beginnt als blumig-charmanter Reigen von vier Paaren – neoklassisch, die Damen in Kleidchen und auf Spitze. Doch dann mischt sich Javier Rojas als Solist unter das partnerschaftliche Wogen. Die Strukturen und Formationen werden dichter und emotionaler. Das gibt dem 20-Minüter einen bald unwiderstehlichen Zug.
Nach der Pause geht es mit zwei Uraufführungen für das bemerkenswert flexible Ensemble weiter. Nürnbergs Ballettchef Goyo Montero – selbst in Madrid und an der Schule des Nationalballetts in Havanna ausgebildet – dachte sich „Imponderable“ („Unwägbar“) aus: einen mit Lichteffekten (zuletzt durch Taschenlampen) und eingesprochenen Textpassagen raffiniert gespickten, höchst dynamischen, mit Melancholie und emotionaler Power aufgeladenen Halbstünder. Akustisch motivieren Songs des „kubanischen John Lennon“ Silvio Rodriguez (von Komponist Owen Belton in unterschiedlichste Klangwolken zerlegt) neun Interpreten.


Belles Letres © Yuris Nórido 


Twelve © Yuris Nórido

Zum Schluss rockt Acostas an diesem Abend aktives Tänzer-Dutzend den Saal mit einer rasanten Sport-Tanz-Nummer. In „Twelve“ von Jorge Crecis geht es virtuos ausgelassen und akrobatisch zu. Mit neongrünem Wasser gefüllte Plastikflaschen fliegen ohne Unterlass von Hand zu Hand. Hier wird gestapelt, dort in Packen sortiert – und dazwischen halsbrecherisch um die banalen Requisiten gemoved. Eine grandiose Gruppenleistung, die brillant inhaltsfrei unterhält.
Für viele Londoner aber endete der abwechslungsreiche Abend bereits zuvor, bei Sidi Larbi Cherkaouis 15-minütiger Kreation „Mermaid“ – einem Duett mit leerem Weinglas für Marta Ortega und Carlos Acosta. Auf dessen kurzen Auftritt hatten viele britische Fans hingefiebert. Sie wurden mit einer rührenden Performance zu koreanischen Live-Klängen und zugespielter Musik von Erik Satie belohnt. Der Plot erzählt von einer Frau, die beschwipst einem Mann begegnet. Doch die Liaison der beiden bleibt trotz intensiver gemeinsamer Momente flüchtig. Im Hinblick auf Acosta Danza selbst darf man einer längeren Beständigkeit gewiss sein.

Vesna Mlakar

           

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