Ein Requiem: Sidi Larbi Cherkaoui

29.06.2017

Ein Requiem auf unsere Zeit
Sidi Larbi Cherkaoui über Ost, West, die Trauer und den Tod

„West“ hieß das erste Programm, das Sie in dieser Spielzeit in Antwerpen erarbeitet haben. „East“ das zweite, das Sie um ihre erste große Choreografie für das Ballet Vlaanderen gruppierten. Warum gerade ein „Requiem“, wie das von Gabriel Fauré?



Es gibt verschiedene Gründe. Zum einen hat das mit dem Haus zu tun. Oper und Ballett arbeiten in Antwerpen und Gent zum ersten Mal unter einem Dach, und das nicht unbedingt aus eigenem Antrieb, sondern eher im Vollzug einer Zwangsheirat. Zwänge sind mir zuwider, und deshalb suchte ich zusammen mit meinen Kollegen nach einer Möglichkeit, Chor, Orchester und Ballett in einem Ereignis zusammenzubringen. Dabei stieß ich auf Faurés „Requiem“: für mich eine Entdeckung, weil es all die schrecklichen Dinge betrifft, die derzeit auf der Welt geschehen. Alle Tragödienaspekte werden in dem 1887 komponierten Werk angesprochen.

®Filip Van Roe - Sidi Larbi Cherkaoui

Trauern, das ist etwas, was wir im Westen nicht gut können. Wir wissen nicht mehr wirklich, was Trauer ist, lassen das Gefühl nicht wirklich zu, dass etwas unwiederbringlich verloren ist, verdrängen es eher. Fauré war ungläubig, ein Agnostiker; er komponierte sein „Requiem“ in der Zeit, als sein Vater im Sterben lag. Er hat zwar immer bestritten, dass das Werk etwas mit dem Tod seines Vaters zu tun haben könnte. Aber selbst, wenn sich der Komponist wenig aus Hoffnung machte, finde ich in der Musik etwas Hoffnungsvolles. Ich denke an die Tragödie in Aleppo, an all die Ereignissen im Mittelmeer, an den Verlust von Leben, vor allem von ganz jungen Menschen, traumatisierten Kindern, die ihre Verwandten verloren haben. Und ich finde: Wir müssen den Verlust akzeptieren lernen. Wir müssen akzeptieren, dass wir sterblich sind.

Alle Fotos: EAST Requiem, Ch. Sidi Larbi Cherkaoui,
Foto Filip Van Roe

Interview von Hartmut Regitz

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