Ausgewogenes Spektrum mit Überraschungen

29.01.2018

Tamas Detrich, ab Herbst Intendant des Stuttgarter Balletts, stellte seine Pläne für die Zeit nach der Ära Anderson vor


Die Erleichterung ist ihm anzusehen. Knapp 60 Minuten benötigte Tamas Detrich im Sitzungszimmer der Staatsoper Stuttgart, um endlich die Katze aus dem Sack zu lassen und die Öffentlichkeit darüber zu informieren, wie der Spielplan des Stuttgarter Balletts ab Herbst 2018 aussehen wird. Dann wird, nach den 22 Jahren des zur Legende gewordenen Reid Anderson, er selbst die Kompanie leiten. Detrich, anfänglich sehr aufgeregt, sitzt und spricht alleine und frei, nur begleitet von seiner Pressechefin Vivien Arnold. Das macht diese Begegnung mit dem zukünftigen Intendanten berührend. Er habe, so erzählt der Amerikaner mit ungarischen Wurzeln, vor genau zweieinhalb Jahren damit begonnen, um die Nachfolge von Anderson zu kämpfen, berichtet er dem DANCE FOR YOU-MAGAZINE. Gezweifelt habe er angesichts der Herkules-Aufgabe aber nie, nicht eine Sekunde, erklärt er weiter. „Ich wollte, dass die Kompanie das bleibt, was sie ist. Wer sollte dieses Ziel erreichen?“ Durch jemanden, der von außen gekommen wäre, hätten Geist und Selbstverständnis, der Gründungsmythos John Cranko und der künstlerische Bestand des Stuttgarter Balletts eventuell einen Riss bekommen, befürchtete der ehemalige Erste Solist. Das hatte die Findungskommission, unterstützt durch den fachlichen Rat von John Neumeier, 2015 einhellig überzeugt.
Detrich gehört seit 1977 der Kompanie an, wirkte viele Jahre als herausragender Interpret und Coach des Cranko-Werkes sowie als Tänzer insbesondere in Werken von Jiří Kylián, Hans van Manen, Maurice Béjart, William Forsythe und Uwe Scholz. 1998 zum Kammertänzer ernannt und 1999 mit dem John Cranko-Preis ausgezeichnet, startete er 2001 unter Anderson seine zweite Karriere als Ballettmeister und stellvertretender künstlerischer Leiter. Seit acht Jahren assistierte er ihm als stellvertretender Intendant und ist dabei tief in Andersons Repertoirepolitik und Kompanieführung eingedrungen. Dass die Werke von John Cranko unter seiner Ägide weiterhin einen zentralen Platz im Spielplan haben werden, ist von daher klar: „Crankos Arbeit und die Liebe, mit der er dieses Ensemble gegründet und aufgebaut hat, werden immer eine zentrale Rolle spielen“, so Detrich.
„Alles beim Alten“ gilt dennoch nicht. Detrichs Programm umfasst ein ausgewogenes Spektrum. Es reicht von der zaristischen Klassik des 19. Jahrhunderts über die amerikanische Neoklassik und die klassische Moderne im 20. Jahrhundert bis hin zum zeitgenössischen Ballett. Mit Überraschungen hält er nicht hinterm Berg. Hierzu gehören zu Spielzeitbeginn die erstmalige Einstudierung von „Das Königreich der Schatten“ aus Marius Petipas „La Bayadère“ in der Choreografie von Natalia Makarowa, ergänzt um Werke von George Balanchine („Symphony in C“) und John Cranko („Konzert für Flöte und Harfe“), die ebenfalls den Tanz auf Spitze im weißen Tütü zelebrieren. Dass damit die klassische Grundlage der Kompanie gestärkt werde, sei ihm wichtig, so Detrich: „Das ist unser Maßstab.“
Mit „Mayerling“ des britischen Meisters Kenneth McMillan aus dem Jahr 1978 mit einer eigens in Auftrag gegebenen Neuausstattung von Jürgen Rose und „one of a kind“ von Jiří Kylián aus dem Jahr 1998 wird Detrich zudem das Repertoire des Stuttgarter Balletts an Abendfüllern um wichtige tänzerische und narrative Handschriften aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ergänzen. Die Wiederaufnahme von John Neumeiers berührender „Kameliendame“ nach neun Jahren Pause dürfte die Fans erfreuen.

Zu den größten Überraschungen zählt aber die erstmalige Verpflichtung des britischen Choreografen und Kathak-Tänzers bangladeschischen Ursprungs Akram Khan - ein tiefgreifendes Erlebnis...

Fotos: Roman Novitzky/Stuttgarter Ballett

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