Tanzstudio Kauf: ein gutes Geschäft?

29.08.2013

Der Kauf eines gut geführten Tanzstudios kann je nach Größe und Ertragskraft gut und gerne einen fünf- bis sechsstelligen Eurobetrag kosten. Wie es zu diesem Betrag kommt, haben wir in den beiden letzten Heften erläutert, Sie können das noch einmal nachlesen in unsere letzte Ausgabe. 

Heute geht es darum, wie der Kaufpreis finanziert wird, denn die wenigsten angehenden Tanzunternehmer werden einen so großen Betrag auf ihrem Konto haben. Trotzdem sollte man nicht gleich zur Bank um die Ecke rennen und "Geld her oder ich tanze!" schreien. Die meisten der großen Geschäftsbanken haben extra Abteilungen für Kleinunternehmer und Existenzgründer, die man direkt ansprechen kann. Ich habe mit den Kreditprofis der HypoVereinsbank/Unicredit, Stefanie Warnebold und Dieter Feix, gesprochen und mich nach den Möglichkeiten für den jungen Tanzprofi erkundigt.

Erwartungsgemäß ist die Bank an Zahlen interessiert. Deshalb sollte man auch für ein Vorgespräch schon gerechnet und geplant haben und gleich mit einer Tasche voller Informationen bei der Bank vorstellig werden. Zuallererst sollte man die Banker natürlich davon überzeugen können, dass der Erwerb des Studios wirtschaftlich Sinn macht: Ist das mögliche Einkommen aus dem neuen Studio groß genug, dass sowohl die Tilgung des Kredits als auch der persönliche Lebensunterhalt davon finanziert werden kann? Nötig sind also zunächst Zahlen aus der Buchhaltung (Umsatz, Miete, Honorare) aber auch zu den eigenen Lebenshaltungskosten. Für die Bank bedeuten diese Zahlen und Fakten zweierlei. Einmal natürlich die zentrale Frage, ob sich die geplante Studioübernahme wirklich rechnet. Zum anderen aber auch, ob der angehende Jungunternehmer wirtschaftlich denkt, ob er über die notwendige fachliche Qualifikation verfügt und ob, wie die Kreditprofis es ausdrücken, "seine Augen für die Idee leuchten."

Wer zwar für die Tanzkunst brennt, sich für finanzielle und strategische Fragen aber nicht sonderlich interessiert, wird die Bank trotz leuchtender Augen nur schwerlich von seinem Zukunftsprojekt überzeugen können. Dazu gehört vor allen Dingen auch eine konkrete und realistische Planrechnung für die Zukunft, ein Business-Plan auf neudeutsch. Kann der Jungunternehmer gegenüber dem Vorgänger neue Geschäftsfelder auftun? Tänzerische Kleinkindergruppen mit einem begleitenden Parallelprogramm 'Yoga für junge Mütter' beispielsweise, um die am Vormittag leerstehenden Studios besser zu nutzen oder aus gleichem Grund: eine Hip-Hop-Chip-n'Juice-Party für Jugendliche am Freitag und Samstag Abend. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt, die Bank freut sich über einen innovativen Unternehmer.

Zu innovativ allerdings sollte er nicht sein. Denn wenn das Geschäftsmodell der bisherigen Ballettschule gut funktioniert hat, denkt die Bank wie ein erfahrener Fussball-Trainer: "Never change a winning team!" Wenn der neue Chef als erstes plant, den eingeführten Namen der Schule zu ändern, sich von der erfolgreichen Ballettlehrerin zu trennen und stattdessen Bauchtanz für Jungs auf den Stundenplan setzt, klingeln bei der Bank die Alarmglocken. Wer so radikal neu denkt, sollte keinen eingeführten Betrieb übernehmen, sondern einen leeren Raum mieten und bei Null anfangen. Es kommt also – wie so oft im Leben – auf ein ausgewogenes Verhältnis von Tradition und Innovation an.

Wenn schließlich die Rahmenbedingungen für die Übernahme stimmen, wird die Bank eine Finanzierung im Rahmen der Existenzgründungsprogramme von LfA* und KfW* vorschlagen. Das sind zinsgünstige Kredite für junge Unternehmer, die teilweise sogar ohne eigene Sicherheiten vergeben werden können. Und weil es sich um staatliche Förderprogramme handelt, kommt es nicht darauf an über welche Geschäftsbank der Kredit beantragt wird: Die Konditionen sind überall gleich – und überall wird man, staatlichen Bürgschaften zum Trotz, zunächst einmal nach einer Sicherheit für den Kredit fragen.

Verfügt der Käufer des Studios also über eine entsprechend wertvolle Eigentumswohnung, steht dem Geschäft nichts mehr im Wege. Da dies in der Mehrzahl der Fälle eher unwahrscheinlich ist, drängt sich der Blick in die Verwandtschaft auf. Eltern, Tanten und Omas zeigen sich zwar in der Regel eher zurückhaltend, wenn der Nachwuchs um Geld für ein neues Cabrio bittet, geht es hingegen um die Existenzgründung, sieht die Sache anders aus. Denn Eltern und Verwandtschaft, die dem Nachwuchs bei dem Schritt in die Selbständigkeit helfen wollen, müssen dafür nicht das Sparbuch plündern, sondern "nur" der Bank eine entsprechende Sicherheit bieten. In vielen Familien sind solche Vermögenswerte ohnehin schon als spätere Erbschaft angedacht, so dass ein vorgezogener Zugriff auf das in Aussicht stehende Erbe für beide Parteien Sinn macht. Zugegeben, das ist der Idealfall. Ich kenne auch Fälle, wo eine Finanzierung durch Bank / KfW / LfA und/oder Familie nicht möglich ist. Dann müssen sich der Altbesitzer der Schule und sein Nachfolger auf einen Deal einigen: Der Altbesitzer stundet dem Erwerber den Kaufpreis ganz oder teilweise, und dieser wiederum verpflichtet sich, Jahr für Jahr den Gewinn dafür zu verwenden, dieses Darlehen zu tilgen. Ein Finanzierungsmodell, das im Geschäftsleben nicht ungewöhnlich ist. Denken Sie nur an die VW-Bank, die Ihnen zu günstigen Konditionen einen Kredit für den Kauf eines Volkswagens gewährt. Das Problem dieses Deals ist offenkundig; während der VW-Bank immerhin das neue Auto als Sicherheit dient, ist die einzige Sicherheit für den Verkäufer des Tanzstudios eben das verkaufte Tanzstudio. Wirtschaftet der neue Besitzer schlecht, wird kein Gewinn entstehen und der Kredit kann nicht zurückbezahlt werden. Im schlimmsten Fall wird der Verkauf rückabgewickelt und der Verkäufer steht mit seiner alten, mittlerweile heruntergewirtschafteten Schule im Regen. Deshalb wird in der Mehrheit der Fälle der 'Altbesitzer' noch eine Weile an Bord bleiben, die Schule für ein paar Jahre mit dem Nachfolger gemeinsam führen und seine Anteile im Rahmen eines vorher festgelegten Zeitplanes Stück für Stück abgeben. Verstehen sich der Neue und der Alte gut, profitieren beide Seiten von dem Modell. Der alte Chef arbeitet im eigenen Interesse intensiv am weiteren Erfolg der Schule, der nachrückende Chef profitiert von in Jahrzehnten gewachsenen Erfahrungen und Beziehungen, und sowohl für Mitarbeiter als auch für Kunden gibt es eine 'soft transmission'.
Die Nachteile für beide Seiten liegen auf der Hand; der Senior kann sich nicht über Nacht nach Thailand ausklinken und der Junior muss eine Reihe von Neuerungen im Betrieb erst mal für eine Weile zurückstellen. Von außen betrachtet vielleicht beides kein Nachteil!

Egal, welches Modell im Einzelfall zum Tragen kommt: Für Käufer und Verkäufer stellt die Übergabe/Übernahme das vermutlich größte Geschäft im Laufe des Lebens dar. Deshalb sind klare juristische Verträge nötig und deshalb kann auf eine seriöse Anwaltskanzlei nicht verzichtet werden. Dabei kann es von vorne herein sinnvoll sein, einen gemeinsamen Anwalt mit der Aufgabe zu betrauen. Denn Freunde und Verwandte tendieren naturgemäß dazu, sich schützend vor jeweils ihre Partei zu stellen: "Der nimmt Dir Dein Lebenswerk für 'nen Appel und n' Ei aus der Hand" heißt es da auf der einen Seite, auf der anderen Seite sagt man, "der alte Gauner zieht Dich doch über' n Tisch!" Ein gemeinsamer Anwalt hingegen vermeidet genau diese strittig geführte Verhandlung zugunsten einer Konsenslösung im Interesse beider Parteien. Packen Sie es an!

*LfA: Landesförderbank; www.lfa.de

*KfW: Förderbank der deutschen Wirtschaft; www.kfw.de

Autor: Stefan Sixt

Foto: MIVI Verlag

           

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