Gabriel Astruc und seine

27.10.2015

 Gabriel Astruc und seine "Skandale"

Im Frühjahr 1906 wird Gabriel Astruc einem jungen Mann vorgestellt, "dessen Gesicht mit den wulstigen Lippen, kräftigen Kiefern und ausgeprägten Schneidezähnen überhelmt war von einer nach hinten geworfenen weißen Haarsträhne". Der so geschilderte, seinerzeit noch völlig Unbekannte erweist sich im Gespräch nicht nur als ein Kenner der Materie. Unter dem Namen Serge Diaghilew wird er Jahre später als Organisator der Ballets Russes ungleich berühmter sein als der Journalist, Impresario und Theaterdirektor, der ihm in Paris die Wege ebnet. Und das nicht nur, indem er ihm drei Jahre später einen ersten Auftritt im Théâtre du Châtelet ermöglicht. Der Sohn eines Großrabbiners sorgt auch dafür, dass das gesellschaftliche Großereignis gebührend wahrgenommen wird. Kein Geringerer als Jean Cocteau kann als Gestalter der Programmbroschüre gewonnen werden. Und bevor sich der Vorhang zu "Le Pavillon d'Armide" hebt, erlebt das illustre Publikum bereits eine Vorstellung der besonderen Art: Astruc hat nämlich im ersten Rang die "52 hübschesten comédiennes von Paris Platz nehmen lassen und sie so arrangiert, dass das Blondhaar und die brünette Frisur sich abwechselten" – ein Einfall, der insofern Geschichte macht, als sich die sichtbarsten Stühle des Theaters seither "Blumenkorb" nennen, "fauteuils de corbeille".

Vor allem aber ist Gabriel Astruc aber "eine Schlüsselfigur der Musikgeschichte", wie Myriam Chimènes ihre Anmerkungen überschreibt. Mit ihnen werden nicht etwa seine Memoiren eingeleitet; die sind längst unter dem Titel "Pavillon der Phantome" erschienen. Vielmehr stehen sie am Anfang eines ebenso anschaulichen wie amüsant zu lesenden Buchs, das der Autor mit berechtigtem Stolz "Meine Skandale" nennt. Denn die können sich nicht nur sehen, sie können sich auch hören lassen: die Erstaufführung der "Salome", bei der sich Richard Strauss nicht unbedingt von seiner sympathischsten Seite zeigt, die Uraufführung von Debussys "Le Martyre de Saint Sébastien", die der Erzbischof von Paris beinahe verhindert hätte, die Ballettpremiere seines "Prélude à l'Après-midi d'un Faune", die eine heftige Pressefehde nach sich zog – vor allem aber die "denkwürdige Schlacht" um den "Sacre du Printemps", die am Ende vor allem einen Sieger kennt: Igor Strawinsky.


Sie findet im Mai 1913 im Théâtre des Champs-Élysées statt, das Astruc hat erbauen lassen: ein "Tempel der Musik", der nicht zuletzt zu einer Dependance der Bayreuther Festspiele werden sollte. Doch zu dem geplanten "Parsifal"-Gastspiel ist ebenso wenig gekommen wie zu weiteren Auftritten der Ballets Russes. Nach nur vier Monaten muss Astruc, wie er sagt, "die Platte putzen" und seinen Konkurs anmelden. Die abschließenden "Bemerkungen" über das Kunstverständnis seines Publikums und die Rolle der Musikkritik lassen eine Einsicht erkennen, die weit über den gegebenen Anlass hinausreicht. Vielmehr lesen sie sich, von Joachim Kalka treffend übersetzt, als wären sie erst vor kurzem geschrieben. Viel hat sich offenbar in dieser Hinsicht nicht verändert, schon gar nicht zum Besseren hin. Umso wichtiger ist ein Buch, das einem eine Persönlichkeit bewusst macht, die so gar nichts Skandalöses hat, auch wenn sie ein paar der prominentesten Skandale beschreibt.

Hartmut Regitz

Gabriel Astruc: Meine Skandale. Strauss, Debussy, Strawinsky. Berenberg Verlag, Berlin. 128 S., Abb, 22 Euro

           

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