6/2016

Tänzer sind stumme Künstler; ihre Körper sprechen im Takt zur Musik. Und doch sind es Menschen, die mit Intelligenz und Charakter hinter ihrer Kunst stehen. Dass auch sie gehört werden wollen, beweist das Staatsballett Berlin in jüngster Zeit immer wieder. Etwa, wenn als sie vor gut einem Jahr dagegen protestierten, sich die Gewerkschaft (ver.di) nicht selbst aussuchen zu dürfen. Wenn sie auf nicht nachvollziehbare Unterschiede in Verträgen aufmerksam machten und Arbeitsbedingungen kritisierten, die u.a. zu wenig Ruhephasen einräumten.

Dass sie jetzt ihre Stimme gegen das designierte Intendanten-Duo Sasha Waltz und Johannes Öhman erheben, beweist, dass sie sich auch weiter nicht unterkriegen lassen. Ihr demokratisches Vorbild agiert schließlich nebenan: Die Berliner Philharmoniker wählen ihren Chef seit 1882 selbst und fahren als Orchester von Weltruf gut damit. Stanley Dodds, Geiger und Medienvorstand der Berliner Philharmoniker, sagt: „Unser Chef hat mehr Autorität als ein verordneter Vorgesetzter.“ Weil sich die Musiker ernst genommen fühlen und durch ihre Mitsprache voll und ganz hinter ihrem Dirigenten stehen. Wer sich dagegen verbiegen muss, wird kaum Höchstleistung bringen.

Wenn man sich die Berliner Politik im Fall der designierten Nachfolge Öhman / Waltz ansieht, hat die Kommunikation schon im Vorfeld versagt: Dass das Ensemble die neue Personalie anstelle von Bürgermeister Müller und seinem Kulturstaatssekretär Renner (beide SPD) aus der Presse erfahren musste, beweist nur, wie wenig Kontakt es mit den Tanzkünstlern im Vorfeld gegeben haben muss. Und wie schief Politiker liegen können, wenn sie über einen Bereich bestimmen, der jenseits ihrer Profession liegt.

Das Staatsballett Berlin ist eine Kompanie, die sich als klassisch versteht und mit eben diesem technisch hohen Anspruch an die Weltspitze möchte. Enttäuschungen gab es in der Vergangenheit zur Genüge: Erst Vladimir Malakhov, der lieber selbst auf der Bühne stand, als Leitungsfunktion zu übernehmen, dann Nacho Duato, der das Ensemble mit seinen alten Stücken in eine Art Dornröschenschlaf versetzte. So ist es nur allzu verständlich, dass die Tänzer angesichts neuer Hiobsbotschaften unruhig werden. Dass sie der zeitgenössisch arbeitenden Sasha Waltz mit Skepsis begegnen, wer will es ihnen verdenken? Schließlich geht es auch darum, hart erarbeitete Fertigkeiten zu erhalten. Startänzerinnen wie Iana Salenko, die international auf Galas brilliert, können es sich nicht leisten, im Klassischen zu pausieren. Und Johannes Öhman? Wer hat hier schon von ihm gehört?

Ganz abgesehen von künstlerischen Inhalten ist es doch so: Kunst funktioniert nur gemeinsam. Warum also werden diejenigen übergangen, die der Tanz tagtäglich angeht? Was spricht dagegen, alle an einen Tisch zu holen: Politiker, (externe) Tanzexperten und Mitglieder der Kompanie? Die Zeiten, in denen Tänzer auf ihre Körper reduziert wurden, in denen Choreografien nur schmuckes Beiwerk waren, sind lange vorbei. Auch Tänzer wollen als das wahrgenommen werden, was sie sind: als Körper-Künstler mit Herz und Hirn.

Isabell Steinböck

Content Winter Issue 6/2016 

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