6/2013 November-Dezember

AUTHENTISCH BIS ZUM ABWINKEN...

„Wo fängt es an zu tanzen?“ Das Zitat von Pina Bausch war eine ernste, fast philosophische Fragestellung innerhalb ihrer choreografischen Arbeit. Sie ging davon aus, dass es einen Ort – und damit eben auch einen Zeitpunkt – gibt, der einen künstlerischen Prozess in Tanz und Nicht-Tanz teilt.

Heute muss sich das Publikum eher fragen: Wo hört es auf zu tanzen? Wenn die Tänzerin plötzlich inne hält und sich forsch durch die Haare fährt, während sie die Kollegen beobachtet? Oder erst, sobald der Tänzer am Bühnenrand angekommen ist und sich eine Flasche Wasser an den Mund setzt? Hat der Tänzer vergessen, von der Bühne abzugehen? Oder verkalkulierte sich die Tänzerin beim Raumweg? Weder noch, der Bruch ist Teil des Plans. Denn einige Choreografen wollen echte Menschen zeigen, ganz authentisch, indem sie den Tanzenden erlauben, sich Gedanken verloren in der Nase und anderswo zu bohren oder wiederholt ihre Kleidung zurechtrücken, sobald sie die Arme vom Tanzpartner lassen. Der Unterschied zwischen dem Tanzenden als Privatperson und seiner Funktion als Darsteller verwischt. Und selbst das könnte noch spannend sein, sofern es irgendetwas wollen würde. Das Unbewusste jedoch, den Zuschauerblicken bewusst ausgeliefert, langweilt schnell. Heißt das, jene choreografisch Tätigen vermeiden die von Pina Bausch empfundene Überquerung, nehmen die Schwelle nicht mehr als künstlerischen Engpass wahr?

Spätestens seit Merce Cunningham propagierte, jede Bewegung könne Tanz sein, ist das Bewegungsmaterial ein Relatives, entsprechend dem Credo seines Lebenspartners John Cage, dass jedes Geräusch Musik werden kann sowie sich jeder Gegenstand als Objekt und Bühnenbildbestandteil eignet – um auch die Bildende Kunst ins Beiboot zu holen. Auch Rudolf von Labans berühmter Satz, „jeder Mensch ist ein Tänzer“ öffnete in den 1920er Jahren viele Türen für Berufene und Bewegungswillige aller Niveaus. Doch beide Väter des Modernen Tanzes setzten eines voraus: die Entscheidung für ein bestimmtes Bewegungsmaterial, auf welch‘ (zufälligem) Weg sie auch immer herbeigeführt werden sollte.

Bleibt die Frage: Wie viel Privates verträgt der öffentliche Raum? Sie wird umso akuter in der (hoffentlich bald einzuläutenden) Nach-Big-Brother-Phase. Die Aus-Flaschen-trinkenden-Herumsteher oder Sich-wirr-durch-die-Haare-Fahrer hat weder Laban noch Cunningham gemeint, die authentische Beliebigkeit drängt sich uns jeden Tag und überall ohnehin auf. Wo also hört es auf zu tanzen? Dort, wo das gelangweilte Publikum einfach weggeht.

Dagmar Ellen Fischer

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