2/2017

Tänzer gegen die Verrohung der Sprache

Es ist die Wirklichkeit, die ihre Schatten wirft in die so schöne Welt des Tanzens. Wo sonst als hier, wo Ästhetik entsteht durch das Einhalten von Regeln und den Respekt der Mitwirkenden voreinander, sollte man es sich zur Aufgabe machen, ein positives Signal zu setzen. So gehört es von Anfang an in den Tanzschulen dazu, Jugendlichen nicht nur sportliche, sondern auch gesellschaftliche Regeln zu vermitteln, um den Umgang von Mensch zu Mensch auf eine faire Basis zu stellen. Also kein Forum für Rüpeleien, Beschimpfungen und Beleidigungen darzustellen, sondern ein ethisches Benehmen einzufordern und vor allem – vorzuleben. Daher hat sich nun der Allgemeine Deutsche Tanzlehrerverband zu einem außerordentlichen Schritt entschlossen und tritt dem bedrohlichen Trend zur Verrohung der Sprache entgegen.
Die zunehmende Aggression in den sozialen Netzwerken, begünstigt durch den Schutz der Anonymität, haben erschreckende Formen angenommen. Zumal es wissenschaftliche Untersuchungen gibt, die einen engen Zusammenhang von aggressiver Sprache und aggressivem Handeln aufdecken. Und solche Äußerungen haben längst den Schutzraum Internet verlassen und sind in den Alltag eingedrungen. Das hat Auswirkungen für die betroffenen Personen, aber auch für die ganze Gesellschaft.
Es ist an der Zeit, diesem Trend entgegen zu wirken. ADTV-Präsidentin Cornelia Willius-Senzer startet daher einen Aufruf: „Es geht darum, die Menschen grundsätzlich und besonders in jeder Begegnung dafür zu sensibilisieren, wie wichtig die wertschätzende und deeskalierende Sprache ist. Der Focus liegt auf Bewusstmachung sowie der Vermeidung von selbst unterschwelligen Attacken und dient dadurch dem Abbau von Aggression und der Verbesserung der Kommunikation.” Sie wünscht sich dabei die Unterstützung von so vielen Menschen wie möglich: „Deshalb bitte ich alle Erwachsenen dringend: Lassen Sie uns, statt über die ‚verrohende Jugend‘ zu schimpfen, gute Vorbilder auch bei unserer Sprache sein, uns an die eigene Nase packen und prüfen, ob wir unsere Worte sorgfältig, wertschätzend und respektvoll genug wählen!“

Mutieren wir also alle zu sprachlichen Drosselmeiers. Denn mag der Tanzmeister aus dem „Nussknacker” auf den ersten Blick ein wenig altmodisch und exzentrisch wirken, so hat er doch die Kraft, der kleinen Clara einen Einblick in eine wunderbare mögliche Welt zu eröffnen. Genauso liegt hinter unserer kalten Realität eine andere mögliche Welt – zu erreichen nicht unbedingt auf Spitzenschuhen, aber durch eine nicht minder um Balance bemühte Sprache, die sicher um Klippen und Fährnisse führt in eine friedfertige Dimension. Gehen wir also mit gutem Beispiel voran. Vielleicht wirkt es ja auch umgekehrt: Wenn die Verrohung von Sprache zu Aggressivität führt, dann sollte eine Verfeinerung der Sprache auch zu einer friedlicheren Welt beitragen können.

Ute Fischbach-Kirchgraber  (Foto Tigran Mikayelyan als Drosselmeier und Katharina Markowskaja als Clara)

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