2/2012 März-April

EDITORIAL

 

Als Pina Bauschs Tanztheater Erfolge feierte, das Ballett immer moderner wurde und Stadttheater zeitgenössische Tanzproduktionen auf die Bühne brachten, sahen Skeptiker den Klassischen Tanz sterben und wurden glücklicherweise eines Besseren belehrt. Jetzt steckt das Tanztheater in der Krise: Daniel Goldin und Urs Dietrich – beides renommierte Choreografen aus der Essener Folkwang-Schmiede – haben nach Jahrzehnten an Stadttheatern keine Zukunft mehr. Und die Wuppertaler Tänzer kümmern sich nach Pina Bauschs Tod nur noch um das tänzerische Erbe.

 

Hat das deutsche Tanztheater seine besten Zeiten hinter sich? Braucht das Publikum etwas Neues, Jüngeres? In Münster setzt man mit Hans Henning Paar auf einen modern choreografierenden Ballett-Chef, dem seine Kompanie auch für Oper und Operette nicht zu schade ist. Das Bremer Theater unterliegt dem Sparzwang, muss Zuschauerzahlen erhöhen und verfolgt das Ziel, junges Publikum für die Bühne zu begeistern. Intendant Michael Börgerding engagiert gleich zwei Kompanien aus der Freien Szene – Samir Akikas „Unusual Symtoms“ und das Team um Regieduo Gintersdorfer / Klaßen.

Der französisch-algerische Akika bringt mit Nachwuchskünstlern und semi-professionellen Jugendlichen junge Themen auf die Bühne. Seine Inszenierungen sind schräg, originell und nah an der Realität.  Mindestens ebenso nah wie Produktionen von Monika Gintersdorfer und Knut Klaßen, die in Bremen nun regelmäßig auf dem Spielplan stehen. Die deutsch-afrikanischen Künstler finden ihre politischen Themen auf der Straße, an der Elfenbeinküste; ihre Darsteller haben sie in Clubs entdeckt. Mit ihrem aggressiven, ironischen Stil bringen die jungen Tänzer Realitäten ins Theater und tragen so auf eigenwillige Weise zur Völkerverständigung bei. Das alles ist spannend, hat Zukunft und dennoch möchte man Tanztheater oder deutschen Ausdruckstanz -  das Erbe von Kurt Joos - nicht missen. Schließlich braucht Theater beides: Choreografen mit Geschichte und experimentierfreudige Künstler, die Neues schaffen.  Kein einfacher, aber letztlich lohnenswerter Spagat.

 

Isabell Steinböck

Inhalt 2/2012 März-April

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